Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit
Begonnen hatte der Zweiten Weltkrieg in Europa mit dem Einmarsch in Polen am 1. September 1939. Es folgten die Besetzung von Dänemark und Norwegen, die rasche Niederwerfung Frankreichs und die Luftschlacht um England. Entscheidend aber war die Ausweitung des Kriegsgeschehens durch den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.
Von Ernst Piper für NPD-BLOG.INFO
Nun stand Hitler, genau wie Deutschland im Ersten Weltkrieg, in einem Zweifrontenkrieg. 135 Divisionen hatte er aufgeboten zur Niederringung des „jüdisch-bolschewistischen Weltfeinds“. Drei Millionen Soldaten, unterstützt von finnischen, rumänischen und ungarischen Verbänden, wurden in Marsch gesetzt. In den ersten Wochen gelangen ihnen gewaltige Raumgewinne und zu Land und in der Luft unerhörte militärische Siege. Doch schon im September geriet der deutsche Vormarsch ins Stocken, stellte sich die Frage nach dem Kulminationspunkt des Ostfeldzugs. Man wollte Moskau erobern, um so den Krieg vor dem Einbruch des Winters, für den die deutschen Armeen nicht gerüstet waren, zu einem vorläufigen Ende zu bringen. Doch das gelang nicht.
Damals, im November 1941, ahnte Adolf Hitler erstmals, dass er diesen Krieg nicht gewonnen hatte. Dass er ihn verloren hatte, leugnete er bis zuletzt. Das Menetekel des verlustreichen Winterkriegs 1941/42 ignorierte er ebenso wie das Debakel des folgenden Winters, in dem die Deutschen allein vor Stalingrad eine viertel Million Soldaten durch Tod oder Gefangenschaft verloren. Im Jahr 1943 war das Ostheer auch im Sommer nicht mehr zu erfolgreichen Offensiven in der Lage, und 1944 wurde den deutschen Streitkräften endgültig das Gesetz des Handelns aus der Hand genommen. Rückzug an allen Fronten war angesagt. Nordafrika war längst verloren. Im Juli 1943 waren Briten und Amerikaner auf Sizilien gelandet, im September begann die Eroberung des Festlands, am 6. Juni 1944 die Invasion in der Normandie. Am 20. Juli 1944 fand der, neben dem frühen und tragisch gescheiterten Attentat Georg Elsers, ernsthafteste Versuch statt, Hitler zu beseitigen. Wäre er erfolgreich gewesen, hätten noch Millionen von Menschen gerettet werden können.
Auf deutscher Seite sind zwischen August 1944 und Mai 1945 mehr Menschen umgekommen als in den fünf Kriegsjahren zuvor. Doch für den im „Führerbunker“ eingekesselten Hitler gab es nur die Alternative Sieg oder Untergang. Zuletzt ließ er kaum bewaffnete Kinder antreten, um sein Ende wenigstens noch ein paar Tage hinauszuzögern. Kriegsversehrte und alte Männer schoben ausgebrannte Straßenbahnwagen zu Panzersperren „zur Verteidigung der Reichshauptstadt“ zusammen, die von den sowjetischen T 34 mühelos überrollt wurden.
An der Jahreswende 1944/45 hatte es mit der sogenannten Ardennenoffensive eine allerletzte deutsche Angriffsoperation gegeben. Nach einigen Anfangserfolgen waren alle Geländegewinne bis zum 16. Januar 1945 wieder verloren gegangen. Vier Tage zuvor hatte die sowjetische Winteroffensive begonnen. Binnen zweier Wochen überrannten die vielfach überlegenen russischen Truppen die deutschen Ostgebiete und stießen bis zur Oder vor. Die bevorstehende Niederlage war nun ganz offensichtlich nur noch eine Frage der Zeit und noch immer hätte eine deutsche Kapitulation unzählige Menschenleben gerettet.
Zum Beispiel wäre die Zerstörung Dresdens verhindert worden. Dieses einzigartige barocke Juwel galt als eine der schönsten Städte der Welt. Bisher war sie von Luftangriffen verschont geblieben. Da die Deutschen glaubten, dass dies auch so bleiben würde, gab es keine effektive Luftschutzvorkehrungen und kaum Flugabwehrgeschütze. Doch in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 warfen 773 britische Lancaster in zwei Angriffswellen 2.600 Tonnen Spreng- und Stabbrandbomben über der Stadt ab. Es war dies der schwerste Bombenangriff des ganzen Krieges in Europa, der Höhepunkt der Strategie der Flächenbombardements, die die Briten seit 1942 verfolgten. Doch auch jetzt sah Hitler nicht in der Lage, dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Erst als er am 30. April seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, war es für die deutsche Staatsführung möglich, Kontakt mit den Alliierten aufzunehmen.
Am 7. Mai 1945, morgens um 2 Uhr 41 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die deutsche Gesamtkapitulation. Zwei Tage später wurde diese Zeremonie auf ausdrücklichen Wunsch Stalins im Offizierskasino der ehemaligen Pionierschule in Karlshorst bei Berlin wiederholt. Leiter der deutschen Delegation war diesmal Generalfeldmarschall Keitel. Damit war der Krieg in Europa zu Ende. Insgesamt 53 Staaten hatten sich zuletzt mit dem Deutschen Reich im Kriegszustand befunden. Fast die gesamte zivilisierte Menschheit hatte sich in einer Koalition gegen den Irrsinn des Nationalsozialismus zusammengefunden. Aus dieser Anti-Hitler-Koalition gingen nach Kriegsende die Vereinten Nationen hervor.
Die Bilanz des Zweiten Weltkrieges war entsetzlich. Mehr als 55 Millionen Menschen waren eines gewaltsamen Todes gestorben, darunter etwa 30 Millionen Zivilisten. Den bei weitem größten Blutzoll hatten Russen und Chinesen zu entrichten gehabt. Dem grausigsten Kriegsziel der Deutschen, der Ausrottung des europäischen Judentums gewesen, waren fast 6 Millionen Menschen zum Opfer gefallen, darunter etwa eineinhalb Millionen Kinder. Die deutsche Wehrmacht hatte 4,8 Millionen Soldaten verloren, hinzu kamen eine halbe Million Vermisste und vier Millionen Verwundete. Zwölf Millionen Deutsche verloren ihre Heimat. Fast zwei Millionen von ihnen kamen während der Vertreibung um. Fast zehn Millionen von der nationalsozialistischen Knechtschaft Befreite befanden sich in Lagern für „Displaced Persons“ und hofften, nach ihrer Verschleppung nun in ihre Heimat zurückkehren zu können. Und etwa neun Millionen evakuierte Deutsche strömten in die zerstörten Städte zurück.
All dies vollzog sich unter den denkbar schwierigsten Umständen. Die Infrastruktur war zerstört, Kommunikation funktionierte so wenig wie Transport. Es mangelte an Lebensmitteln und Heizmaterial. Die Kohleproduktion war um 80 % gesunken. Fast vier Millionen Wohnungen, ein Fünftel des gesamten Bestandes, waren zerstört. Gleichzeitig mussten Millionen von Vertriebenen untergebracht werden. Zahllose Familien hatten ihren Ernährer verloren. Ein Drittel aller zwischen 1915 und 1924 geborenen Männer war im Krieg gefallen. Die Alliierten gaben sich alle Mühe, die Menschen in dem eroberten Land ausreichend zu ernähren, aber das gelang nicht immer. Es wurde gehungert und, vor allem zu Beginn in den provisorischen Kriegsgefangenenlagern, auch gestorben.
Deutschland war innerlich und äußerlich eine Trümmerwüste
Am 24. Dezember 1945 stand in der „Stuttgarter Zeitung“ zu lesen: „Das deutsche Volk wird heuer das Weihnachtsfest in einer Freudlosigkeit feiern müssen, wie sie so dunkel und so allgemein noch nie in der Geschichte, die wir übersehen können, über die Lande ihrer Zunge hereingebrochen ist.“ Der Autor des Artikels war keineswegs ein enttäuschter Nationalist oder gar ein verkappter Nazi. Geschrieben hatte diese Zeilen der Sozialdemokrat Carlo Schmid, der führend am Aufbau des Landes Württemberg-Hohenzollern beteiligt war und 1947 dessen stellvertretender Ministerpräsident wurde. (1952 wurde das Land mit Baden zum Bundesland Baden-Württemberg vereinigt.) Aus Carlo Schmids Worten sprach die maßlose Enttäuschung, die unermessliche Leere, die das Drittes Reich hinterlassen hatte. Hitlers totalitäres Regime hatte große Teile Europas verheert. Aber auch Deutschland selbst war innerlich wie äußerlich eine Trümmerwüste, Millionen von Vätern, Männern und Söhnen auf den Schlachtfeldern geblieben, ein großer Teil der in Jahrhunderten gewachsenen Städte zerstört, die künstlerische und die wissenschaftliche Elite marginalisiert, vertrieben oder ermordet, die geistige Mitte des Lebens verloren.
Die Menschen waren wie betäubt. Hunderttausende saßen noch Jahre später in Kriegsgefangenschaft. Millionen befanden sich auf der Flucht. Unzählige wurden vermisst. Andere waren im Exil oder lebten in DP-Camps. Diejenigen, die sich durch glückliche Umstände an ihrem Heimatort befanden, mussten in Häusern ohne Dach unterkommen, in ungeheizten Wohnungen ohne Fenster. Und wer eine Wohnung hatte, hatte noch lange nichts zu essen. Im November 1945 wurde die tägliche Kalorienzahl pro Kopf auf 1550 heraufgesetzt, im Februar 1946 dann wieder auf knapp über 1000 reduziert. Das war nicht einmal die Hälfte dessen, was ein Erwachsener zum Überleben braucht.
Der große englische Humanist Victor Gollancz, ein Verleger und Schriftsteller, der mehrere aufrüttelnde Berichte über seine Deutschlandreise veröffentlichte, schrieb, die Ernährungsrationen, die man der deutschen Bevölkerung zugestehe, seien nicht höher als zuvor die Rationen der Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Mangelernährung war im ganzen Land verbreitet. Typhusfälle vermehrten sich explosionsartig, die Säuglingssterblichkeit verdreifachte sich gegenüber den letzten Vorkriegsjahren. Obwohl der Krieg zu Ende war, verringerte sich die Bevölkerung weiter, denn die Zahl der Todesfälle überstieg die der Geburten bei weitem.
Geschenk der Freiheit
Die meisten, die über jene Zeit geschrieben haben, erwähnen die erste Friedensweihnacht nicht. Es gab nichts zu feiern und man erinnerte sich nicht gern daran. Eine der Ausnahmen war die Halbjüdin Hildegard Hamm-Brücher, für die das Geschenk der Freiheit alle erlittenen Schrecken aufwog: „Zum ersten Mal empfand ich die Weihnachtsgeschichte als Heilsgeschichte, als lebendige Hoffnung und als Kraftquell. Die Geburt des ‘Heilands’ war für mich nicht länger nur ein Gedenktag, sondern eine wirkliche Ankunft, die ich in diesem Jahr 1945 erstmals bewusst erleben und erfahren durfte.“
Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.
Siehe auch: Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern

[...] Lesetipp: Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit [...]
[...] auch: Fußnote* zur Geschichte des Nationalsozialismus, Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit, Die deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und [...]
[...] Siehe auch: Gemeinsam gegen die Versöhnung: Extreme Rechte wird ewigvorgestrig, Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit [...]
[...] Lesetipp: Ernst Piper über “Kapitulation und Kriegsende 1945: Das Geschenk der Freiheit“ [...]
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