Antisemitische Bildsprache bei der Piratenpartei

krake In ihrer Stopp-Acta-Kampagne verwenden die Piratenparteien aus der Schweiz, Deutschland, Mexico und weiteren Ländern eine Krake, die den Erdball umschlingt. Sie kommen damit in eine gefährliche Nähe des antisemitischen Stilmittels der Krake über dem Erdball. Dieses wird immer wieder bewusst eingesetzt, von Antisemiten und Neonazis, um dem Betrachter die Gefahr einer übermächtigen, gierigen, dunklen Bedrohung zu suggerieren.

In der antisemitischen Karikatur von Josef Plank aus dem Jahr 1938 umfasst die (jüdische) Krake mit ihren Tentakeln die Erde und wo sie hinfasst, läuft das Blut. Über dem Oktupuss findet sich ein Davidstern.

Von Sebastian Brux

Siehe auch: Der Pirat aus dem “Störtebekernetz”

82 Comments

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  1. retmarut

    Tierbildnisse in sozialen und politischen Aussagen sind grundsätzlich problematisch.

    Wer aber allein die Verwendung eines Krakenbildnisses als Hinweis auf antisemitische Äußerungen oder Nähe zu Antisemitismus heranzieht, hat offenbar ein sehr oberflächliches Verständnis von Antisemitismus. Lediglich die Form zu betrachten statt den Inhalt, a) zeugt von einem wenig reflektierten Umgang mit gesellschaftlichen Erscheinungen und b) führt letztlich zu absurden Schlussfolgerungen.

    Wie grotesk solch ein rein auf die Form abzielendes Vergleichen ist, zeigen die folgenden kurzen Beispiele: Nur weil Faschist_innen Demonstrationen durchführen, sind nicht Demonstrationen schlechthin faschistisch. Nur weil Faschist_innen zu Wahlen kandidieren, sind nicht alle Wahlparteien faschistisch. Nur weil Faschist_innen gegen den deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan sind, ist Kritik am Afghanistaneinsatz nicht gleich faschistisch. Nur weil Faschist_innen sich antikapitalistisch gebärden, ist Kritik am Kapitalismus nicht faschistisch. Etc.

    Gerade in Teilen der bundesdeutschen Linken wird aber auf derartiger Oberflächlichkeit argumentiert, extremstes Beispiel die objektiv reaktionäre, sich aber links gebende Szene der sog. “Antideutschen”. Statt inhaltlicher Analyse werden die absurdesten Formvergleiche angestellt (oder schlicht daraus abgeleitete Aussagen unterstellt). Das Problematische daran ist weniger, dass es derartige “antideutsche” Sekten gibt, sondern dass sie (immer noch) eine ideologische Wirkung auf etliche antifaschistische Strukturen haben.

    Das hat natürlich Gründe und hängt v.a. mit einem eklatanten Mangel an marxistischer Bildung innerhalb linker Strukturen zusammen. Bürgerliche Ideologie (einmal an die Macht gekommen) muss zwangsläufig oberflächlich argumentieren, denn jeder ernstgemeinte tiefgehende Diskurs, der Zusammenhänge zwischen Basis und Überbau thematisiert, birgt letztlich die “Gefahr” (aus Sicht der Bourgeoisie) systemdestabilisierend zu wirken. Das hat schon Marx erkannt, der belegte, dass die bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften nach Smith und Ricardo jeglichen kritischen Gehalt vorloren hatten und nur noch der Apologie des Bestehenden (nämlich der bürgerlichen Klassenherrschaft) dienten.

    Schönste Auswüchse im bürgerlichen politischen Diskurs für eine derartige Oberflächlichkeit sind seit Jahren die Extremismus- und Totalitarismusdoktrin. Dort wird ebenfalls rein von der Formseite her verglichen, um (wer hätte es gedacht?!) Linke mit Rechtsextremen gleich- und sich selbst als “Mitte” zusetzen.

    Kommen wir zu den Krakendarstellungen zurück: Auch hier wurde von NPD-Blog ganz offensichtlich vom Inhaltlichen völlig abstrahiert. Während die Piratenpartei(en) damit gegen ein multilaterales Handelsabkommen (ein Projekt der derzeit führenden imperialistischen Staaten, um “Produktpiraterie” zu unterbinden) mobilisieren, hat die Stürmer-Zeichnung von 1938 einen gänzlich anderen Inhalt: Hier wird eine jüdisch(-boschewistisch)e Weltverschwörung herbeihalluziniert.
    Ziel der Nazi-Darstellung der Krake soll zum einen der stärkeren Verankerung antisemitischer Ideologie dienen, zum anderen soll sie natürlich auch davon ablenken, dass seit 1933 der deutsche Imperialismus zum Raubkrieg gegen seine Nachbarn rüstet. Wenn schon eine Krakendarstellung, dann wäre die des Deutschen Reiches als Oktopus weitaus erhellender: Erst wurde das Saarland angeschlossen, dann Österreich, danach im Münchener Abkommen das “Sudentenland”. Dass dem weitere, v.a. militärisch geführte “Angliederungen” und Eroberungen folgen werden, war schon damals offensichtlich; nicht umsonst hatte das Deutsche Reich die Wehrpflicht wieder eingeführt, seine Rüstungsproduktion angekurbelt und im spanischen Bürgerkrieg die neuen Waffensysteme getestet.

    Sehr bedauerlich, dass NPD-Blog (wie leider schon viel zu oft in der Vergangenheit) auf ein derart oberflächliches Niveau abfällt.

  2. hansklausmeier

    “dieses wird immer wieder bewusst eingesetzt, von Antisemiten und Neonazis, um dem Betrachter die Gefahr einer übermächtigen, gierigen, dunklen Bedrohung zu suggerieren.”
    deswegen ist dein beispiel bild auch 60jahre alt?

    wer lange such wird immer etwas finden.

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