Neonazi-Netzwerk abgeschaltet / NPD wirft Nebelkerze

Die Berichte über das Forum der “Freien-Freunde” hat ein ganzes Neonazi-Netzwerk im Internet verschwinden lassen. Nachdem tagesschau.de den NPD-Spitzenkandidaten Heyder mit Fragen zu “Junker Jörg” konfrontiert hatte, ging nicht nur “Freie-Freunde.de” offline – auch das “Deutsche Kolleg” und andere rechtsextreme Seiten sind nicht mehr zu erreichen. Derweil bestätigte ein “Freier-Freund”, dass Heyder auf gemeinsamen Reisen der Truppe dabei war.

Von Patrick Gensing

Die “Freien-Freunde” organisierten in ihrem Forum Fahrten nach Polen, auch “Junker Jörg” war laut Teilnehmerlisten dabei. Auf Fotos von Reisen ist NPD-Spitzenkandidat Matthias Heyder zu sehen. Auch der Unternehmer S. aus Görlitz, welcher nach eigenen Angaben mittlerweile in der CDU tätig ist, bestätigte auf Anfrage, dass Heyder an Fahrten der “Freien-Freunde” teilnahm, S. bezeichnete die Fahrten als “unpolitisch”.

Die Äußerungen in dem Forum zu den Reisen lassen allerdings etwas andere Interpretationen zu. “Junker Jörg” bezeichnete die Polen als “Drecksvolk”, ein anderer Neonazi fasste die Höhepunkte wie folgt zusammen:

„Die Truppen sind mit nur leichten Verlusten erfolgreich aus der Heimat in der Heimat angelangt. Der Feldzug war wieder einmal ein großer Erfolg. Für die generalstabsmäßig  perfekte Organisation und Durchführung gebührt unserem Führer Unteroffizier Schlumo alle Ehre und großer Dank.“ 

“Politischer Höhepunkt“ der Reise sei der Besuch in dem Vernichtungslager Auschwitz gewesen, der Wirkung gezeigt habe: „Ich bin seit diesem Tage bekennender Antisemit.“ Ein anderer Ostfahrer meinte:

„Die zahlreichen Juden, die übrigens rassisch einen ganz üblen multikulti-Brei darstellen, ziehen freudig und mit wehenden Zionsfahnen in das Lager ein. Vor 60 Jahren wäre dies Verhalten durchaus begrüßenswert gewesen.“

Zu später Stunde verbrannte die Reisegruppe den Angaben zufolge noch eine Israel-Fahne – ganz unpolitisch selbstverständlich.

Neonazi-Netzwerk offline

Maßgeblich organisiert wurden die Fahrten von “Schlumo” – einem der Betreiber der Seite. Hinter dem Pseudonym steht mutmaßlich Sven Schumann. Auf dem Server, auf dem die “Freie-Freunde.de”-Seite lag, waren auch weitere Neonazi-Seiten beheimatet, beispielsweise die Domain “den-holocaust-gabs.net”, welche auf die Seiten des “Deutschen-Kollegs” verwies. Für diese Domain ist Schumann als technischer Ansprechpartner registriert, die Adresse ist identisch mit anderen auf Schumann registrieren Seiten. Auf den Seiten des “Deutschen Kollegs” verbreiteten bekannte Holocaust-Leugner ihre revisionistische Hetze. Weitere Neonazi-Seiten gehörten zu diesem Netzwerk, genauso wie das Angebot einer Vertriebenen-Jugendorganisation aus Sachsen, deren Seiten nun ebenfalls offline sind.

 

Zu erreichen ist hingegen noch eine Seite, welche ebenfalls auf Schumann registriert ist, und auf der es um osteuropäische Politik geht. Diese Seite ist auch über die “unverfängliche” Adresse “reich4″ zu erreichen. Weitere Seiten sind noch auf Schumann bei der Denic angemeldet, aber nicht mehr erreichbar.

Der Görlitzer S. ist ebenfalls bei der oben erwähnten Vertriebenen-Organisation aktiv und bestätigte auf Anfrage, dass Sven Schumann, der von der NPD als Betreiber von “Freien-Freunde.de” geoutet wurde, hier auch tätig ist. Schumann habe über Jahre vernünftige Arbeit im Sinne des Vereins gemacht, so S.. Ein Briefkopf der Organisation sowie interne Dokumente zeigen zudem, dass Schumann deren Landesvorsitzender in Sachsen war (siehe Screenshots).

NPD wirft Nebelkerze

Die NPD behauptet hingegen, Sven Schu(h)mann (die NPD ist sich in der Schreibweise nicht einig) sei Mitglied der Linkspartei. Die Einträge von “Junker Jörg” seien daher höchstwahrscheinlich manipuliert, so die NPD ohne Angaben von Quellen oder Indizien. Warum Schu(h)mann zunächst Beiträge manipuliert und dann komplett gelöscht haben sollte, blieb unklar. Auch ging die NPD nicht darauf ein, warum sie zunächst verbreitet hatte, die Seite der “Freien-Freunde.de” sei von Antifas gehackt worden – und nun soll der Betreiber selbst der Verräter sein. Auch Heyder lehnte auf MDR-Anfrage Nachfragen ab.

Dennoch verbreiteten die Rechtsextremisten die Geschichte über Linkspartei-Schu(h)mann in ihrem virtuellen Netzwerk – offenbar, um noch kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt die Reihen zu schließen – und sei es nur mit einem durchsichtigen Angriff, welcher noch ein rechtliches Nachspiel haben könnte.

NPD zuletzt bei etwa 5 Prozent

Die NPD will nach Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern in Sachsen-Anhalt in den dritten Landtag in der Bundesrepublik einziehen, dafür mobilisierte die Partei sämtliche Kräfte in das Bundesland. Zuletzt lag die NPD bei etwa fünf Prozent. Die demokratischen Parteien versuchen nun nach jahrelangem Tiefschlaf, einen Erfolg der NPD noch zu verhindern, indem ein gemeinsamer Aufruf veröffentlicht wurde.

Wahlplakat der NPD in Sachsen-Anhalt: "Heyder räumt auf!"
Wahlplakat der NPD in Sachsen-Anhalt: "Heyder räumt auf!"

Sollte die NPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wird wohl öffentlich wieder Entwarnung gegeben. Dabei wäre damit nicht alles gut. Dass eine Partei wie die NPD überhaupt gute Chancen hat, in den Landtag einzuziehen, dass es gegen den Wahlkampf kaum Widerstand aus der Gesellschaft gab und dass menschenfeindliche Einstellungen wie Rassismus und Antisemitismus kaum thematisiert werden, diese Probleme bleiben bestehen, auch wenn die Neonazis nicht in den Landtag einziehen. Für die NPD geht es allerdings ums Überleben, auch finanziell; in der Szene wird daher bereits von einer “Schicksalswahl” orakelt.

Alle Meldungen zu “Junker Jörg”.

 


 

6 Kommentare

  1. Kevin S.

    Die Recherche über das Forum der “Freien Freunde” und alles, was damit zusammenhängt, ist euch echt super gelungen! Ich freue mich richtig über die (scheinbar) weitreichenden Auswirkungen und hoffe, das man sich so etwas zum Vorbild nimmt. Weiter so!

  2. Stefke

    mehr lässt sich über die Redaktion DOL2DAY.COM herausfinden, wenn es sich um den gleichen typ handelt. Auch das ist sicher von Journalisten herausfindbar

  3. Nico

    @Stefke

    Interessant auch folgendes Zitat auf der Seite von Schlumo die du verlinkt hast:
    “Was waren das für Zeiten, als Goethe und Hölderlin dichteten [...]”

    Wobei Goethe doch geschrieben hat “Das Land, das Fremde nicht beschützt, geht bald unter.”
    Er würde sich im Grabe umdrehen…

  4. [...] In einem internen Internetforum, das mir vorliegt vorliegt, schrieb Thorsten Schlotz von der “Schlesischen Jugend” am 11. Mai 2005: „Nachdem sich die FREUNDE [Anmerkung: Das ist die Tarnbezeichnung des Neonazi-Netzwerkes] in und für Schlesien engagieren (z.B. die Ostfahrten) sind wir, so meine ich, die richtigen Leute um das Werk fortzusetzen was Hösl [Anmerkung: Jürgen Hösl-Daum] einmal aufgebaut hat. […] Es ist also so, dass wenn wir als FREUNDE über die Gelder der SJ verfügen könnten wir unsere Aktivitäten im Osten professionalisieren und erheblich ausweiten könnten. Meines Wissens nach sind nur wenige Mitglieder immer bei den Vorstandswahlen der SJ anwesend. Der Plan zur Übernahme der SJ sieht deshalb derzeit so aus, dass wöchentlich ein Mitglied von uns neu der SJ beitreten sollte – ich habe heute bereits eine Anfrage für meine Mitgliedschaft gestartet. Bei den nächsten SJ-Vorstandswahlen sollte es dann möglich sein, wenn die meisten unserer Leute anwesend sind, einen unserer Leute als Vorstand zu wählen.“ [...]

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