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Die Wutbürger von Jena

08. Dezember 2011 10:31 3.552 mal abgerufen 22 Kommentare

In Jena herrscht die Wut. Nicht über die rassistische Mordserie, die von Terroristen aus der Stadt verübt wurde, nicht über die skandalösen Vorgänge beim Verfassungsschutz – sondern darüber, dass die Stadt angeblich in eine braune Ecke gestellt wurde. Eine Petition - die vom ZDF eine Entschuldigung für einen Beitrag bei “allen Bürgern” der Stadt, also auch bei den örtlichen Neonazis - fordert, wurde tausendfach unterzeichnet. Wir meinen: Dieses “wir”, das hier konstruiert wird, ist unerträglich.

Von Publikative.org

Mehr als 4500 empörte Jenaer haben eine Petition unterzeichnet, der sich gegen folgenden Beitrag des ZDF stellt. Die taz sekundierte dazu: “Eine Stadt fühlt sich denunziert”.

Ein bemerkenswerter Vorgang: In einer Sendung, die öffentlich sonst nur wenig Beachtung findet, setzt sich ein Schriftsteller mit Migrationshintergrund mit seiner Einstellung zu Jena und dem Osten auseinander, stellt fest, dass er hier nicht leben möchte. Er trifft sich mit einem Ex-Neonazi, und erfährt, dass dieser sich des Öfteren mal umdreht oder aus dem Fenster schaut, um sicher zu sein, dass ihm keine Gefahr drohe – und der lokalen Sektion der Wutbürger fällt nichts anderes ein, als einen Sturm der Entrüstung zu entfachen – über diesen ZDF-Beitrag.

Blogs, die sich sonst mit Kinderbasteleien oder Sternegucken beschäftigen, mutieren zur letzten Verteidigungslinie Jenas. Über die rassistische Mordserie ist dort nichts zu lesen, erst als ”ihre” Stadt vermeintlich in die rechte Ecke gestellt wird, schalten sich die Bürger ein. Sie fühlen sich persönlich angegriffen – und in einer Petition wird eine Entschuldigung vom ZDF gefordert - und zwar bei “ALLEN” (!) Bürger Jenas – und “nicht nur” bei denen mit Migrationshintergrund. Also auch bei den Kameraden der Rechtsterroristen, die aus der Stadt stammen - aber die sind hier nicht (mehr) das Thema.

Dieses “wir” ist unerträglich. Dieses “wir” entwickelt aber so großen Druck, dass das ZDF nach Jena fährt und mehr oder weniger zu Kreuze kriecht – was derselbe Sender beispielsweise beim tausendfachen Protest gegen seine Art der Fußballgewalt-”Berichterstattung” im Übrigen in keiner Weise für nötig befindet. Beim Jenaer Public-Viewing kommt dann richtig Volksfest-Stimmung auf – und der ZDF-Vertreter wird ordentlich ausgebuht, als er fragt, warum jetzt die kollektive Empörung herrscht – und nicht bereits nach der rechtsextremen Terrorserie. Gute Frage übrigens.

Jena, so suggerieren die Empörten, ist längst zum Hort des kollektiven antifaschistischen Widerstands geworden. Schade nur, dass die Akteure, die vor Ort mutig und engagiert die Neonazi-Umtriebe bekämpfen, da nicht mitspielen: Katharina König von der Linkspartei kritisierte, Tausende unterzeichneten die Petition gegen den ZDF-Beitrag, aber bei Trauerveranstaltungen für die Opfer verloren sich 300 Menschen. Ihr Vater, der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König, kämpft tatsächlich seit Jahren gegen Nazis, wofür er allerdings auch genauso lange angefeindet und kriminalisiert wird. Auf dem Lindenberg’schen Rock-Event gegen Rechts konnte er nicht einmal seine Rede beenden, weil er ausgebuht wurde. Auf Twitter wurde anschließend gegen den “spastischen Kommunistenpfarrer” gehetzt: “Das einzige Buhhhhh des Nachmittags“, so die Meinung “ganz normaler” Konzertbesucher, die natürlich keine Nazis sind. Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung merkte treffend an: “Die Leute fürchten sich mehr vor dem Imageschaden, der durch die Aufklärung entsteht, als vor dem verbrecherischen Potenzial, das sich jahrelang in ihrer Mitte entfaltete.”

Mit Eurem “Wir” wollen wir nichts zu tun haben!

Geht es um das Image der Stadt, beteiligen sich Tausende Bürger an einer Petition.

Geht es um das Image der Stadt, beteiligen sich Tausende Bürger an einer Petition.

Die taz haut indes weiter auf die Tonne vom diskriminierten Ossi: “Eine ganze Stadt” fühle “sich denunziert”, heißt es empathisch. Dabei sei Jena “erzstudentisch, erzakademisch, wohlerzogen und lieb, so lieb, dass man nicht einmal den Punks in der Innenstadt ihre Subversion abkauft.” Es sei daher viel zu einfach, von einem ostdeutschen Problem zu sprechen. Darf man fragen, warum eigentlich? Dieser Hinweis war nach Mölln und Solingen vollkommen angebracht, aber jetzt? Was spricht denn dagegen, sich – angesichts einer bislang rein ostdeutschen Terrorbande und ihrem Gewaltexport in den Westen – jetzt intensiv und ausführlich damit zu beschäftigen, was da bei “Euch” so los ist – ohne im gleichen Atemzug sofort irgendwas zum Westen sagen zu müssen? Bei aller Liebe: Das Thema ist in der Tat eine Mörderbande, die in Thüringen ausgebrütet wurde – und nicht in Dortmund, Mesopotamien oder Spitzbergen!

Aber bitte, sagen wir was zum Westen: Dortmund-Dorstfeld hat ein Nazi-Problem, aber es ist trotzdem keine No Go Area: Jeden Tag sind dort mehr nicht-weiße Deutsche auf der Straße unterwegs als in den meisten Orten des Ostens in einem ganzen Jahr. Und das hat seine Gründe, viele Gründe sicherlich. Einer aber ist die schlichte Ignoranz gegenüber dem Nazi-Problem. Statt das Unwohlsein eines Deutschen mit nicht ganz so heller Hautfarbe zumindest einmal zu überdenken, wird ein empörtes “wir” entgegengesetzt, mit dem wir wiederum nichts zu tun haben wollen.

Hauptsache integrieren?

Das Faktum, das Ostdeutschland ein spezifisches Nazi-Problem hat, zu leugnen, heißt, die Suche nach den Ursachen  zu torpedieren. Die taz mischt derzeit hier in der ersten Reihe mit, was besonders bitter ist, da sie über Jahre eine kontinuierliche, fundierte Berichterstattung über die rechtsextreme Bewegung geliefert hat. Möglicherweise handelt sie aus einem falschen, linken Moment der Inklusion, nach dem Motto, wir dürften keinen ausgrenzen, schon gar nicht die armen Ossis, die seit 1990 ausgegrenzt würden.

Solidemo für Lothar König am 10.8.2011 in Jena (Linke-Thüringen)

Solidemo für Lothar König am 10.8.2011 in Jena (Linke-Thüringen)

Dieser Glaube an eine bessere Gesellschaft, der zum Beispiel in Gorleben geboren wurde und sich auf den Weg gemacht hat, auch noch den dümmsten Bauern von der Größe ökologisch angebauter Kartoffeln zu überzeugen – kippt angesichts des Rassismus’ der  real existierenden Gesellschaft in die totale Regression. Warum? Weil er sich schlechterdings zum Werkzeug des Appeasements gegenüber den Nazis macht. Es gibt kein “wir” mit Rassisten, es gibt kein “wir” mit Nazi-Mördern, es gibt kein “wir” mit evangelikalen Christen, es gibt kein “wir” mit Homophobie, es gibt kein “wir” mit militanten Abtreibungsgegnern und es gibt kein “wir” mit ostdeutscher Identitätsbefindlichkeit, die genau all diese anderen Ausgrenzungen ignoriert und gedeihen lässt, weil man selbst das Opfer der bösen Wessis sei. Dieses “wir” ist nicht unser “wir”.

“Wer zwingt Dich dazu, Dir Deine Haare bunt zu färben?”

In einem dieser Jenaer Blogs, die derzeit um das Image “ihrer” Stadt kämpfen und es dabei erst kaputt machen, schrieb ein “Bunthaariger”, er habe sich schon oft unwohl im Osten gefühlt. Ein anderer fragte: “Und wer zwingt Dich dazu, Dir Deine Haare bunt zu färben?” Das ist die Message: Du wirst von Nazis angemacht? Selbst Schuld! Wenn alle gleich aussehen, gibt es auch keine Probleme…

Wenn “Ihr” “Euch” solche Sorgen um “Euer” Image macht, dann möchten wir “Euch” mal etwas mitteilen: Viele von “uns” fahren nicht in den Osten zum Zelten oder in den Urlaub, weil sie Angst haben, dass sie selbst oder ihre nicht bio-deutsch aussehenden Kinder rassistisch angefeindet werden. “Unser” Problem? Nein, “Euer”!

Linktipp: Petition “Aspekte sollte sich NICHT entschuldigen!”

Siehe auch: Angst vor “Überfremdung” – ohne “Fremde”,   Wenn der VS Thüringen über Nazis aufklärt…, Im Osten nichts Neues …?,  “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl, Im Osten nichts Neues …?, Demokratie von oben: Bürgerpreis ohne Bürger, Ein Hoch auf die Nestbeschmutzer!

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