Höllenfahrt im Wallfahrtsort

Der Reiseschriftsteller Andreas Altmann wirft in seiner Autobiographie “Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ einen schonungslosen Blick auf die Abgründe der bundesdeutschen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre. In dieser Zeit gehörten Prügelstrafen in der Schule und der Familie zur Alltagserfahrung von Kindern und Jugendlichen. Allerdings übertrifft das, was Altmann an körperlicher Gewalt durch seinen Vater erleiden musste, die damals übliche Brutalität noch bei weitem.

Von Stefan Kubon

Es soll ja immer noch Leute geben, die ernsthaft glauben, die soziale Ordnung der frühen Bundesrepublik sei im Wesentlichen eine heile Welt gewesen. Dass dem nicht so war, verdeutlicht Andreas Altmann mit seinem Buch recht drastisch. Altmann, Jahrgang 1949, erzählt von seiner Jugend im oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting. Dem vermeintlich verheißungsvollen Ort zum Trotz gleichen die Jugendjahre des Autors einer Höllenfahrt. In erster Linie liegt das daran: Altmann senior ist ein extrem gewalttätiger Zeitgenosse. Das besonders Perfide dabei: Der Haustyrann tritt in der Dorfgemeinschaft als christlicher Biedermann auf. Passenderweise betreibt er einen Devotionalienhandel für die zahlreichen christlich gestimmten Besucher des Ortes.

Altmann erduldet die Gewalttätigkeiten seines Vaters zumeist stoisch, wobei er in seinem Innersten stets an einer widerständigen Haltung festhält. Von den übrigen Familienmitgliedern kann er keine Hilfe erwarten, denn auch sie ducken sich unter der Knute des brutalen Patriarchen. Die Idee, die Dorfgemeinschaft um Hilfe zu bitten, verwirft Altmann aufgrund folgender Überlegungen: Würde man ihm die Anschuldigungen gegen seinen angesehenen Vater denn glauben? Würde ein gescheiterter Befreiungsversuch in der Folge nicht noch zu verschärften Gewaltattacken führen? Aus heutiger Sicht kann man sagen: Da die damaligen staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen grundsätzlich auch auf körperliche Gewalt setzten, um eine potentiell rebellische Jugend im Zaum zu halten, wäre es für Altmann in der Tat recht schwer geworden, nachzuweisen, dass seine Form der familiären Gewalterfahrung den damals üblichen Rahmen deutlich sprengte.

Wahnsinn mit Methode

Für den Leser ist es oftmals schwer zu ertragen, den Wahnsinn im Hause Altmann in immer neuen Varianten vor Augen geführt zu bekommen. Konkret: Weil Altmanns Vater trotz seines florierenden Devotionalienhandels ein besonders ambitionierter Geizhals ist, kommt es eher selten vor, dass der Autor in seiner Jugend einmal einen Tag ohne Hungergefühle verbringen kann. Noch konkreter: Da der gewalttätige Psychopath die Arbeitskraft des Sohnemanns skrupellos ausbeutet, ist dieser zumeist zu erschöpft, um im notwendigen Umfang für die Schule lernen zu können. Schlechte Noten sind die Folge. Darauf reagiert Altmann senior mit zusätzlichen Prügeloffensiven. Zudem werden die allgemeinen Arbeits- und Lebensbedingungen weiter verschärft. So bleibt noch weniger Zeit zum Lernen. Noch schlechtere Noten sind das Ergebnis. Die drakonischen Strafen werden erneut verschärft. Ein Teufelskreis!

Irgendwann wird es der Mutter zu viel: Sie flieht aus dem Gewaltinferno. Leider fehlt ihr die Kraft dazu, auch ihre Kinder aus den Klauen des Berserkers zu befreien. Gründe für die Machtlosigkeit der Mutter? Sicherlich viele, Altmann hebt den folgenden besonders hervor: Seine Mutter hatte das repressive christliche Glaubensverständnis der damaligen Zeit sehr stark verinnerlicht. Nach diesem autoritären Religionsverständnis soll es besonders gottgefällig sein, qualvolle Zustände als schicksalhaft anzuerkennen und diese demütig zu erdulden. Eine offene Kampfansage gegen die Verursacher solcher Zustände käme einer zutiefst sündhaften Rebellion gegen den angeblich göttlichen Willen einer leidvollen und hierarchisch strukturierten Welt gleich.

Licht am Ende des Tunnels

Als 18-jähriger ist der Geschundene schließlich körperlich stark genug – endlich kann er seinem Vater im Faustkampf Paroli bieten. Nach einem finalen Schlagabtausch verlässt Altmann das väterliche Anwesen. Danach dauert es fast zwei Jahrzehnte bis er sein inneres Gleichgewicht findet. In beruflicher Hinsicht irrt Altmann zunächst mehr oder weniger orientierungslos umher. Um sein Jugendtrauma zu überwinden, probiert er unzählige psychotherapeutische Behandlungsmethoden aus (darunter auch die berühmt-berüchtigte Urschreitherapie). Mit Ende 30 findet Altmann schließlich zu sich selbst, indem er seine Fähigkeit entdeckt, Reisereportagen zu schreiben. Seitdem ist er als Schriftsteller ein gefragter Mann.

Altmann grübelt immer wieder darüber nach, warum sein Vater zu solch einem Scheusal geworden ist. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass sich dies wohl vor allem durch die traumatischen Erlebnisse erklären lässt, die sein Vater im Zweiten Weltkrieg hatte. Tatsächlich kämpfte er an der besonders gefürchteten Ostfront. Da Altmann seinen Vater nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer sieht, gelingt es ihm zumindest nach dessen Tod, eine Art Frieden mit ihm zu schließen.

Letztlich doch noch Glück gehabt

Dass der Autor sein Leben noch in den Griff bekommen hat, betrachtet er nicht als persönlichen Verdienst. Vielmehr begreift Altmann dies als eine glückliche Fügung. Mit solch bescheidenen Aussagen steht der Autor quer zum aktuell herrschenden Zeitgeist, der ja mit der dummdreisten propagandistischen Parole “Eigenverantwortung!“ jedem noch so Gebeutelten einreden möchte, er sei seines eigenen Glückes Schmied. Dass sich Altmann trotz seines schriftstellerischen Erfolges diesem Zeitgeist der Ignoranz versagt, verdient besonderen Respekt.

Zweifelsohne hat man es hier mit einem in vielerlei Hinsicht lesenswerten Buch zu tun. Wobei der Wert als Quelle für die Geschichtsschreibung besonders zu betonen ist. Vor allem lässt sich durch diese Autobiographie die reaktionäre Behauptung widerlegen, die frühen Jahre der Bundesrepublik seien hinsichtlich des Familienlebens und der Kindererziehung eine heile Welt gewesen. Die mitunter recht derbe Wortwahl des Autors ist sicherlich Geschmacksache, doch angesichts des Erlebten wirkt sie nachvollziehbar.

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Piper Verlag, München 2011, 256 Seiten, 19,99 Euro.

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