Muße ist eine Haltung

Wir sind Gejagte. Getrieben vom Druck der Arbeit, vom Zwang Optionen zu sammeln und vom Anspruch ununterbrochen erreichbar zu sein, rasen wir durch die Zeit. Was sind die Ursachen für diese spürbare Beschleunigung? Wie kann man dem Teufelskreis der Zeitnot entkommen? Diese Fragen stellt sich auch der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsredakteur Ulrich Schnabel in seinem Buch “Muße: Vom Glück des Nichtstuns“. Darin plädiert er für den Müßiggang und die Aufwertung der scheinbar leeren Zeit. 

Von Julia Kubon 

Ein riesiges Angebot von Zerstreuungsmöglichkeiten und andauernden Ablenkungen hält uns davon ab, zum Wesentlichen vorzudringen. Deshalb haben wir das Gefühl ständig hintendran zu sein bzw. nicht Schritt halten zu können. Auch Zeitmanagement und technischer Fortschritt können dieses Problem nicht lösen, denn mit der gewonnenen Zeit wachsen gleichzeitig auch Anforderungen und Ansprüche. Fortwährend sind wir auf der Suche nach Verbesserungen.

Der Traum vom süßen Nichtstun (Foto: Stefan Kubon)
Der Traum vom süßen Nichtstun (Foto: Stefan Kubon)

 

Wollen wir den Stress reduzieren, müssen wir die Kontrolle über unsere Zeit zurückgewinnen und auf immer neue Möglichkeiten und Alternativen verzichten lernen. Da wir der Informationsflut jedoch nicht gänzlich entkommen können, so Schnabels These, müssen wir einen souveränen Umgang mit ihr lernen. Dieser Umgang besteht in schrittweiser Selbstkontrolle und ausreichenden Ruhepausen. Doch ist Müßiggang in unserer Leistungsgesellschaft überhaupt noch möglich? 

Müßiggänger sind nicht gern gesehen 

Zugegeben: Als Müßiggänger hat man es schwer. In unserer Gesellschaft wird die Aktivität zelebriert, zum Teil auch nur um ihrer selbst willen. In solch einer Umgebung kann man nicht auf Anerkennung fürs Nichtstun hoffen. Schnabel schlägt deshalb erste kleine Schritte vor, um der Muße ein bisschen näher zu kommen. Hat man nämlich verstanden, was Muße nicht ist und wie sie nicht funktioniert, ist das schon ein guter Anfang. Wer also glaubt, Muße lässt sich einfach konsumieren oder erfordert außergewöhnliche Erlebnisse und besondere Auszeiten, der muss erst einmal umdenken. 

Muße ist eine Haltung, die nicht vom Ort oder dem Zeitaufwand abhängig ist. Die Sozialwissenschaftlerin Helga Nowtony hat es so formuliert: “Muße ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.“ 

Muße lohnt sich – der Beweis 

Auch empirische Studien interessieren sich für das süße Nichtstun und stellen fest: Tiefer Schlaf, Nickerchen, Faulenzen und Meditieren, all dies steigert das Wohlbefinden, fördert die Kreativität und verbessert die Leistungskraft. Es ist also wissenschaftlich erwiesen, dass man schöpferische Pausen braucht, um sich auf sich selbst zu besinnen und wirklich neue Ideen zu entwickeln. Mit diesen Ergebnissen stützt Schnabel seine These, dass Muße auch einen messbaren Wert besitzt. 

Diese von Nützlichkeitsüberlegungen getragene Argumentationsweise auf eine Tätigkeit anzuwenden, die ihren Wert ja gerade in sich selbst trägt, erscheint absurd. Doch Schnabel macht klar, dass er sich hier ausdrücklich an alle Akteure der Leistungsgesellschaft wendet, die das Effektivitätsprinzip schon zutiefst verinnerlicht haben. Ihnen will er die Muße schmackhaft machen, indem er aufzeigt: Sie ist selbst sinnvoll wenn man den Maßstab der modernen Leistungsgesellschaft anlegt.

Doch ein Patentrezept, wie man die Muße für seine Zwecke nutzt, das will Schnabel deutlich machen, gibt es nicht. So lässt er Prominente aus Sport, Kunst und Wirtschaft in der “Galerie der Müßiggänger“ zu Wort kommen. Sie erklären, welche Bedeutung die Muße für sie ganz persönlich hat und wie ihr Erfolg auch aus ausreichenden Ruhepausen resultiert. 

Die Todesangst der Beschleunigungsgesellschaft 

Die besondere Stärke des Buchs ist, dass Schnabel sich nicht darauf beschränkt, eine Bestandsaufnahme und gute Ratschläge zu liefern. In diesem Sinne begibt er sich auf die Suche nach den tieferen Ursachen, weshalb wir heute in einer Beschleunigungsgesellschaft leben. Neben historischen Entwicklungen, wissenschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlichem Denken identifiziert er die Angst vor dem Tod als weitere Ursache. Das Leben ist sozusagen unsere letzte Chance:

“Denn wer die Aussicht auf Fortsetzung im Jenseits verloren hat, dem bleibt nur eine Hoffnung auf das Paradies – er muss es hier und heute verwirklichen.“ 

Leider verzichtet Schnabel darauf, diese existenzielle Feststellung zu vertiefen. Doch dafür präsentiert der Autor dem Leser noch viele andere interessante Ergebnisse. 

Ein Buch, das zur Muße einlädt 

Nach Schnabel sind wir erst bei der Muße angekommen, wenn wir ruhen und uns von ihr einholen lassen. Das Glück des Nichtstuns besteht also darin, zu erkennen, dass wir die ständige Jagd nicht mehr nötig haben: “Muße ist ( …) einerseits die Voraussetzung für jegliche Transzendenzerfahrung und andererseits bereits Teil dieser Erfahrung selbst“.

Es erscheint eher fraglich, ob die Umsetzung dieser und anderer Weisheiten mit den eher simpel gestalteten, in der Regel bereits bekannten Ratschlägen möglich ist. Doch nicht zuletzt der gut verständliche Stil, die zahlreichen Anekdoten und die anschaulichen Beispiele sorgen für vergnügliche Stunden beim Lesen – und ehe man sich versieht, ertappt man sich zufrieden beim Müßiggang.

Ulrich Schnabel: Muße: Vom Glück des Nichtstuns, Karl Blessing Verlag, München 2010, 288 Seiten, 19,95 Euro.

Siehe auch: Das ausgebrannte Volk