9 Comments

  1. Kein Zweifel, LSBTIs sind in Israel gesetzlich und gesellschaftlich wesentlich besser geschützt als in den arabischen Nachbarstaaten. Dennoch sollten Positionen wie die des Innenministers Jischai oder orthodoxer Parteien und ihrer Vertreter, die Homosexualität als Krankheit betrachten oder Homosexuelle zur Ursache für Erdbeben erklären, nicht ausgeblendet werden.
    Solange Träger solcher Einstellungen in der Regierung sitzen, ist die liberale Haltung des israelischen Staates gegenüber LSBTIs nicht wirklich glaubhaft und das unterstellte Pinkwashing würde mich wenig überzeugen. Homophobie kennt keine Grenzen.

    “Schwule und Lesben sind krank”, sagte Jischai 2006 in einem Interview. “Man hat noch keine Medizin dagegen gefunden, aber ich hoffe, es wird irgendwann soweit sein.”

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/israels-innenminister-rowdy-auf-radikaler-mission-a-675247.html

    http://de.wikipedia.org/wiki/Eli_Jischai

  2. Daniel Domeinski

    Dieser Text ist schlecht. Er heuchelt Interesse an der Problematik des Pinkwashing vor, begnügt sich letztendlich aber damit, deren Kritiker als antisemitische Verschwörungstheoretiker anzugreifen. Diese Ausrichtung wird am folgenden Abschnitt deutlich:

    “Wenn Berlin mit seiner Gay-Community Werbung macht, würde man vermutlich zunächst von mehr oder minder gelungener Standortpolitik sprechen. Israel hingegen führe einen »gay propaganda war«. Die israelische Eigenwerbung wird nach anderen Kriterien bewertet, die scheinbare, verborgene Machtpolitiken entblößen würden. Israel ist nach diesem Vorgehen immer schuldig, unabhängig von seiner realen Politik.”

    Das schlicht und einfach Blödsinn. Die Autorin, die sich offensichtlich in die Thematik eingelesen hat, lügt an diesem Punkt. Als Judith Butler 2010 den Zivilcourage-Preis des CSD ablehnte, ging es nicht um Israel. Der Begriff “Homonationalismus” kann auf viele Gesellschaften angewandt werden, “Pinkwashing” bezieht sich speziell auf Israel. Sie sollen Kritik an diskursiven Strategien ermöglichen, die sich im Zuge der “War on Terror” – Kampagne herausgebildet haben. Diese Kritik zielte deshalb zunächst auf us-amerikanische Diskurse. All dies wird von Autorin angedeutet, in ihren Wertungen aber nicht berücksichtigt, nur um der Pinkwashing – Kritik geistige nähe zu antisemitischen Verschwörungstheorien anzudichten. Jedem dem linke Politik am Herzen liegt, kann ich nur diesen Text dazu empfehlen:

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/63316

    Wieso hält es Publikative.org für nötig, sich in der Frage der Kritik an israelischer Politik derart einseitig zu positionieren?
    Liebe Publikative.org – Redaktion, nur zur Information: Neonazis sind keine Antizionisten. Sie sind schlicht und einfach Antisemiten, die sich hinter dem gegenwärtigen Antizionismus verstecken, auch um aus ihrer Isolation auszubrechen. Ähnliche Versuche gibt es auch im Bereich der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik. In eurer Logik müsste die Kritik an Hartz IV, oder an Spekulationen mit Nahrungsmittelpreisen, Tabu sein, weil sich Nazis in diesem Bereich betätigen. Ihr redet gerne von Querfronten, habt aber offensichtlich keine Ahnung, wie dieses Konzept in der extremen Rechten diskutiert wird. Letztendlich betreibt ihr das Geschäft rechter Querfront-Strategen, wenn ihr gesellschaftliche Bereiche nach belieben nazifiziert.

  3. Hmmm...

    Mit der Begründung gibt es keinen liberalen Staat.
    Welcher Staat, welche Gesellschaft ist denn wirklich frei von Homophobie, oder Sexismus, oder Antisemitismus, oder Rassismus, oder, oder,…..?

  4. Paul

    Lieber Daniel, irgendwie verstehe ich Dich nicht. Du bringst die Ablehnung des Courage-Preises von Butler ins Spiel, aber Butler taucht doch im ganzen Text gar nicht auf.
    Du schreibst der Vorwurf des Pinkwashing bezieht sich nur auf Israel. Da hast Du Recht und das ist ja genau der Gegenstand der Kritik. Die gleiche Werbestrategie ist in Tel Aviv “pinkwashing”, im Rest der Welt gelungene oder misslungene Standortwerbung. Und dann wunderst Du dich warum manche da auf Antisemitismus kommen?
    Nazis sind keine Antizionisten, sondern Antisemitien sagst Du. Stimme ich Dir zu. Das gleiche trifft auch auf linke Antizionisten zu. Das Beispiel der ARD Doku über linken antisemitischen Terror von 1970, mit sieben toten Juden im Altersheim war doch auch nur eine “antizionistische Aktion”, als die Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Frankfurt und Berlin durch die Revolutionären Zellen ermordet werden sollten, haben die sich gegen Kritik aus der linken Szene gerechtfertigt, mit der Begründung die Ermordung der beiden Holocaustüberlebenden sei kein Antisemitismus, sondern Antizionismus. Nein Nazis klauen nicht immer linke Inhalte, sondern diese “linken” Inhalte bieten Anknüpfungspunkte für Naziideologie – was bei Ermordung von Juden doch auch Dir nicht entgehen sollte.
    Und ich finde auf Publikative.org wenig bis gar nichts über israelische Politik, sondern über die Rezeption dieser Politik hier – und da bin ich froh, dass dies kritisch betrachtet wird.
    Aber vielleicht habe ich deine Argumente auch falsch verstanden, ich finde aus den dargelegten Positionen den Text sehr gut und wichtig – auch weil er Diskussionen anregt, wie wir ja hier sehen.

  5. max

    eine text in der publikative mit “israel ist ein böser staat” zu beginnen ist deswegen befremdlich, weil der vorwurf dieser einseitigkeit in umgekehrter weise auf die publikative passt. irgendwie ist israel immer ein guter staat oder jedenfalls die kritik an seiner politik böse. schwarz-weiß-denker, die schwarz-weiß-denkern schwarz-weiß-denken vorwerfen sind selten ernst zu nehmen.

    was ich bei all der aufregung jedenfalls feststellen kann: in den argumentationen der ehernen pro-israel-fraktion geht es erst in der jüngeren zeit darum, wie toll israel im umgang mit seinen homosexuellen ist, im vergleich zu allen bösen staaten außenrum. das erklärt oder rechtfertigt zwar eigentlich nichts, aber es wird dennoch gerne angeführt. da fragt man sich dann schon manchmal, ob homosexuellenfreundlichkeit aufgewogen werden soll gegen palästinenserfeindlichkeit. oder anders: kann ich die beständige verletzung von menschenrechten damit rechtfertigen, dass ich auf der anderen seite wiederum menschenrechte achte, die vielleicht von den von mir verletzten nicht so geachtet werden. gibt bei menschenrechten jede beachtung eines menschenrechts einen freibrief für die verletzung eines anderen? wenn nicht, warum lese ich diese argumentation immer häufiger?
    ob das eine gezielte aktion ist, weiß ich beim besten willen nicht. aber dass im fall von israel immer neue “argumente” hervorgezaubert werden, um sich ja nicht damit auseinandersetzen zu müssen, dass eine besatzung und unterdrückung perpetuiert und weiter manifestiert wird, die jetzt schon 45 jahre dauert, das fällt auf, nicht nur bei der betonung der homosexuellenfreundlichkeit (die ich im übrigen sehr begrüße, gerade angesichts von religiösen hardlinern auch innerhalb der israelischen regierung).

  6. Daniel Domeinski

    Hallo Paul

    Vielen Dank für deine Antwort. Ich werde versuche meine Kritik deutlicher zu formulieren. Die Vorwürfe der Autorin, die Pinkwashing – Kritiker würden Israel dämonisieren, mit doppelten Standards messen und verschwörungstheoretisch argumentieren, sind nicht haltbar. Ich habe versucht, dies an der von mir zitierten Stellen zu zeigen. Zur Erinnerung: Judith Butler hatte den Zivilcourage-Preis des CSD abgelehnt, da ihr die Ausrichtung dieser Veranstaltung zu kommerziell und unkritisch ausfiel. Mit ähnlicher Begründung wurde auch der Transgenialer CSD ins Leben gerufen. Wie sollen diese Tatsachen mit der Behauptung der Autorin zusammengehen, niemand würde auf die Idee kommen, Berlin für die Instrumentalisierung seiner Gay – Community kritisieren. Desweiteren möchte die Autorin, an einigen theoretischen Ansätzen von Puar aufzeigen, dass Pinkwashing-Kritik anschlussfähig für antisemitisches Verschwörungsdenken wäre. Sie greift dafür auf Tabuisierungen zurück, wählt also denkbar einfachsten Weg. Viel schwieriger wäre es gewesen, sich ernsthaft mit Frage auseinanderzusetzen, ob Puars Charakterisierungen von Israel als “Unterdrücker”, “brutaler Besatzer”, “Kolonialstaat” oder “Apartheidsregime” aus palästinensischer Perspektive legitim sind. Dies setzt freilich die Fähigkeit oder den Willen zur Selbstkritik und der Anerkennung des Anderen voraus. Die Autorin bietet letztendlich kein belastbares Argument, weshalb die Kritik des Homonationalismus den israelischen Staat aussparen sollte.

    Zur Problematik Antizionismus – Antisemitismus:
    Ich denke, Antizionismus ist antisemitisch, wenn er mit einer diskriminierenden oder militanten Praxis gegen Juden einhergeht. In diesem Sinne gab und gibt es antisemitischen Antizionismus in des realsozialistischen Staaten, in antikolonialen Befreiungsbewegungen, im bundesrepublikanischen Linksradikalismus, im Neonazismus, in verschiedenen Strömungen des politischen Islam aber auch in etablierten Parteien. Diese Art des Antisemitismus ist aber nicht die einzige oder gar dominante Form des Antisemitismus. Im Neonazismus/-faschismus sind alle Varianten des Antisemitismus vorhanden. Religiös motivierter Antisemitismus gibt es sowohl im Islam, im Christentum, als auch in neuheidnischer Religiosität. Aus einem aufgeklärten Atheismus werden mitunter antisemitische Positionen, religionsfeindlich oder rassenbiologistischen begründet. Diese Aufzählung ließe sich noch weiter fortführen. Die Problematik also sehr komplex. Daher verbietet sich die heutzutage beliebte Engführung Antizionismus=Antisemitismus, auch weil sie häufig dazu gebraucht wird, Kritik an israelischer Politik zu denunzieren.

    Zur Querfront-Problematik:
    Gesellschaftlich kontroverse Themen führen oft zu komplexen und unübersichtlichen Konstellationen von Interessengruppen. So haben in der aktuellen Debatte zum Beschneidungsverbot bei Säuglingen orthodoxe Juden und fromme Muslime eine “Querfront” gebildet. Würdest du diesen Juden vorwerfen, dass sie sich mit potentiellen Antisemiten gemein gemacht haben? In der extremen Rechten wird die “Querfront” als Möglichkeit eines lagerübergreifenden Bündnisses auf völkischer Basis diskutiert. Autoren von Publikative.org greifen diese Idee häufig unreflektiert auf, wenn ständig über Pazifisten, Umweltschützer oder Kritiker israelischer Politik herziehen, ihnen ihr “Deutschsein” vorhalten und darauf verweisen, dass Neonazis ähnlich denken würden. Dass die angegriffenen Personen sich vom Nationalismus, Rassismus und Neonazismus distanzieren wird dabei ausgeblendet. Die Publikative.org Autoren geben damit den “Querfront”-Phantasien der extremen Rechten Nahrung und verharmlosen ungewollt den rassistischen Kern neonazistischer und rechtsradikaler Ideologie. Ich kann den Unwillen der betreffenden Aktivisten auf solche Vorwürfe immer eingehen zu müssen, gut verstehen.

    Nur kurz zu Diebstahl/Anknüpfungspunkte:
    Auf der Basis eines rassistischen Selbstverständnis und Weltbild, lassen sich viele Positionen formulieren, die oberflächlich betracht identisch mit nichtrassistischen Positionen sind. Wichtig ist hier den Kontext im Auge zu haben, in dem diese Positionen eingebettet sind.

  7. Paul

    Lieber Daniel, danke für deine Ausführungen. Ja Judith Butler hat Rassismus und Kommerzialisierung in Teilen der LGBTI-Szene kritisiert – zu Recht. Trotzdem schreibst Du der Pinkwashingvorwurf ist nur auf Israel gerichtet – das gleiche schreibt die Autorin auch, um dies zu kritisieren. Israel wird also als einziger Staat markiert anders zu sein als alle andere Staaten – kannst Du vielleicht nochmal erläutern warum das aus deiner Sicht gerechtfertigt ist?
    So gibt es in Baden Württemberg ein Gesinnungstest nur für Muslime, wo es u.a. um deren vermeintliche Homophobie geht (http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/01/04/a0154). Gleichzeitig werden an öffentlichen Gebäuden zunehmend während des CSD die Regenbogenfahne gehisst um die eigene Liberalität zur Schau zu stellen. Aber warum betreibt dann nur Israel ein Pinkwashing? Versteh ich nicht.
    Wenn nur Israel markiert wird (auch im Rahmen des t_CSD gab es zu keinem Staat einen Workshop, aber zu Israel), wenn Israel als anders als alle andere Staaten dargestellt wird, fällt es mir nicht schwer da die offenkundigen Verbindungen zum Antisemitismus zu sehen, es sei den Du sagst mir was Israel von den anderen Staaten in dieser Frage unterscheidet. Soll nicht polemisch gemeint sein, sondern eine ehrliche Verständnisfrage. Oder vestehe ich Dich vollkommen falsch?
    Dann kritisierst Du, dass die Autorin Begriffe wie “Apartheidsstaat” etc nicht entkräftet. Da wird es merkwürdig. Die Autorin wirf Puar doch vor, diese Begriffe inhaltlich nicht zu belegen, sondern nur zu verwenden und Du wirfst der Autorin jetzt vor, es sei ihr Job nicht belegte Begriffe zu entkräften. In Israel haben die arabischen Israelis nahezu die gleichen Rechte, sie sitzen in der Knesset, haben eigene Parteien, stellen Botschafter Israels, so war z.B. der Richter der den israelischen Präsidenten Katzav u.a. wegen Vergewaltigung ins Gefängnis brachte israelischer Araber – aber für manche ist und bleibt Israel ein Apartheidsstaat.
    Zu Antizionismus: Das Für und Wider des Zionismus ist meiner Meinung nach eine innerjüdische Diskussion. Spätestens nach dem Holocaust, sind viele Juden zur Erkenntnis gekommen, dass sie nur in einem Staat einigermaßen sicher leben können, in dem sie die Mehrheit bilden. Es gibt Juden die das für den falschen Weg halten. Dennoch halte ich einen nichtjüdischen Antizionismus für fatal, wenn Deutsche sagen, nee ihr braucht keinen eigenen Staat um euer Überleben zu sichern.
    Querfront: Dein Beispiel Juden und Moslems hätten eine Querfront gibildet ist mehr als absurd. Wo arbeiten orthodoxe Juden und fromme Moslems hierbei zusammen? Von Querfront kann man dann schon eher reden wenn einige orthodoxe Juden mit Antisemiten (z.B. Holocaustleugnerkonferenz in Teheran) gemeinsam gegen Israel kämpfen und den Holocaust leugnen. Wenn es ideologische Überschneidungen bei einem Thema gibt, z.B. Israel, kommt es zu Querfronten, wie die Gaza-Flotille gezeigt hat. Wo Abgeordnete der Linkspartei mit türkischen Rechtsextremen gemeinsame Sache gemacht haben und im Nachhinein noch nicht mal bereit waren dies kritisch zu reflektieren. Musste man früher in K-Gruppen nicht immer eine Selbstkritik verfassen? Wenn Höger & Co im Bundestag einen Antrag einbringen, in dem sie die türkischen Gruppierungen mit denen sie ein Jahr später eine Bootstour gegen Israel unternehmen als “faschistisch” brandmarken, dann ist eine gemeinsame Aktion eben eine “Querfront” finde ich. Ich kann den Unwillen der Aktivisten darauf einzugehen auch verstehen, denn sie würden ihre politisdches Selbstverständnis ab adsurdum führen.
    Ich fürchte wir werden nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, finde es trotzdem sehr interessant deine Argumentation zu lesen, um auch meine eigene Meinung zu reflektieren. Aber das heisst ja nicht zwangsläufig dass wir einer Meinung werden.
    Hier noch zwei Links zum Thema, deren Texte sich auch lohnen: http://femko.blogsport.de/2012/07/15/eine-menge-waesche-zu-waschen-pinkwashing-und-andere-queere-positonen-zu-israel/

    http://bak-shalom.de/index.php/2012/06/08/homonationalismus-pinkwashing/

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