Angst als Fortschrittsmotor?

„Die Angst vor dem Untergang setzt die Kraft zum Fortschritt frei“, schreibt Jakob Augstein in seiner neuesten Kolumne auf Spiegel-Online. Was für ein Unfug.

Von Stefan Laurin, Ruhrbarone

Auf Spiegel-Online beschreibt Jakob Augstein in seiner Kolumne Angst als Fortschrittsmotor, was natürlich Unsinn ist. Nicht das Angst grundsätzlich etwas schlimmes wäre – es gibt immer wieder gute Gründe, sich zu fürchten, Angst ist ein wichtiges Warnsystem, aber es trügt auch oft: Die Angst vor dunklen Kellern, die viele von uns als Kinder hatten, war grundlos. Die Angst vor einem Sturm auf hoher See dagegen ist vernünftig – wer mit einem kleinen Boot in den Sturm segelt, ist dumm.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des “Freitag” (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Die Warnungen des von Augstein hoch gelobten Club of Rome, dargelegt unter anderem  in der Schrift “Die Grenzen des Wachstums“  entsprachen eher der Furcht vor dem Keller: Wachstum ist komplizierter, dynamischer und hat verschiedenere Spielarten, als der Club of Rome es in seiner populären es beschrieben hat. Davon ab: Für das Ende des Wachstums hätten vor allem die Menschen in der dritten Welt einen hohen Preis bezahlt. Während das Wachstum in reifen Volkswirtschaften wie Deutschland seit Jahrzehnten eher moderat ist, hat das starke Wachstum in Ländern wie Indien, Korea, Brasilien oder China dazu geführt, dass sich die Lebensbedingungen vieler Menschen  verbessert haben. Sicher, es gibt Probleme: Umweltschutz, Menschenrechte, soziale Unsicherheit – aber wer die Lebensverhältnisse in diesen Ländern mit denen vor 40 Jahren vergleicht muss von den Fortschritten begeistert sein und die Überzeugung gewinnen, das auch die anderen Probleme lösbar sind.

Und die Grundlage für diese Überzeugung ist nicht die Angst vor dem Untergang, sondern die Zuversicht, dass Probleme lösbar sind, wenn man sich anstrengt. Und dass die Zukunft keine Zeit ist, vor dem man sich fürchten muss, sondern die  wir uns freuen können.

Die Angst vor dem Untergang lähmt – der Club of Rome ist mit seinen Prognosen für eine Technik- und Industriefeindlichkeit in Europa mit verantwortlich, die Arbeitsplätze und Wohlstand gekostet hat. Probleme aufzeigen und Lösungen einfordern ist notwenig – mit dem Untergang zu drohen unverantwortlich.

Fortschritt gibt es, wenn die Menschen glauben, dass es eine Chance gibt, dass es morgen besser sein kann als heute. Wenn Augstein die Furcht vor dem Untergang als Partner der Utopie, als ihre Grundlage beschreibt, ist das eine sehr abwegige Argumentation:

„ Konservative mögen keine Apokalypsen, weil sie auch keine Utopien mögen.“

Ein Kennzeichen konservativer Politik ist, dass sie mit der Angst arbeitet. Das hat alle konservativen Bewegungen ausgezeichnet: Sie machen den Bürgern Angst vor der Zukunft und empfehlen sich als mehr oder weniger autoritäre Garanten für Sicherheit. Nur wer diese Sicherheit bereit ist hinter sich zu lassen, wer seine Angst überwindet und bereit ist zu neuen Ufern aufzubrechen, ist in der Lage, Fortschritte zu erzielen: Politisch, technisch, wissenschaftlich – die Motivation dazu ist nicht die Angst vor dem Untergang sondern die Lust auf ein besseres Leben. Angst macht Menschen beherrschbar – der Glaube an eine bessere Zukunft unberechenbar…

7 Kommentare

  1. sol1

    Eine aufmerksame Lektüre des verlinkten Wikipedia-Artikel zu den “Grenzen des Wachstums” hätte verhindert, daß hier Legenden und Falschbehauptungen in die Welt gesetzt werden, die man in dieser Form eher auf einem turbokapitalistischen Portal wie der “Achse des Guten” vermutet hätte.

  2. Blotze

    Ich erinnere an Adornos Worte und seine Forderung “daß Auschwitz nicht noch einmal sei”. Man sollte nicht vergessen, was die Alternative zu linker Politik ist, und ich stehe aus guten historischen Gründen dazu, Angst vor der menschenfeindlichen Welt zu haben, die die Rechten schaffen wollen.

    Augstein hat vollkommen Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Idee des Fortschritts nicht ohne die Realitäten wie Rassismus, Sexismus etc. denkbar ist. Gäbe es nichts, wovon der Mensch sich emanzipieren muss, würde man die Idee des Fortschritts nicht brauchen.

  3. Rechtslinksschwäche

    Augstein ist doch bloß so ein Wichtigtuer, dessen Bestrebungen seit einiger Zeit allein darin bestehen, sich, bzw. sein Konservativsein, als links zu definieren.

    Das erinnert ein bisschen an die kläglichen Versuche, die Nazis als links zu definieren, aber mit umgekehrten Vorzeichen: Versuchen Steinbach und Konsorten ihr Rechtsaußendasein als Opposition zum Nochweiterrechtsaußen zu behaupten, geht es Augstein darum, den “Coolnessfaktor” links, der sich nicht zuletzt daraus speißt, dass Linke in der jüngeren Vergangenheit stets Recht hatten, für sich zu nutzen und die Rechten links liegen zu lassen.

  4. NDM

    Beim Titel der Kolumne gehe ich ja mit…

    Jedoch: Wenn Zukunftsangst regiert, dann liegen Rückgriffe auf – je nach Angstszenario – den “Status Quo”(“Keine Experimente”), oder auf nostalgische Konzepte aus der Vergangenheit(“Damals[*] ging es noch allen gut”) näher, als jede Form der Emanzipation.

    [*] “Damals” kann, um mal eine Hausnummer zu nennen, abhängig vom Alter und von der politischen Sozialisation zwischen 1935 und 1980 liegen.

  5. Jules

    “… aber wer die Lebensverhältnisse in diesen Ländern mit denen vor 40 Jahren vergleicht muss von den Fortschritten begeistert sein”
    Da hat der Ruhrpotttyp mal eben einen raschen Blick über den Globus gleiten lassen und klar erkannt, was der Fall ist, nech? Nicht, das er da ewta ein Pauschalurteil gefällt hätte.
    Mal ehrlich, einen derart unreflektierten Text gespick mit Annahmen und Vermutungen, deren Wahrheitsgehalt höchstens in der ideologischen Traumwelt des Autors nicht nahe an Null liegt, ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Bleibt doch bitte bei Euren Leisten aka Nazis denn wenn ich derartigen Unfug nochmal lesen muss, wird es mir leider nicht möglich sein, Euch weiter zur Kenntnis zu nehmen.

Kommentarfunktion geschlossen.