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Moin, moin, Konservatismus!

24. August 2012 09:28 2.722 mal abgerufen 6 Kommentare

Sich über die scheinbar naive “Post von Wagner” aufzuregen, ist eigentlich müßig. Genau wie Jan Fleischhauer, Matthias Matussek oder andere Vorturner der selbsternannten aufrechten Konservativen legt es der BILD-Kolumnist genau darauf an, “Gutmenschen” zu provozieren. Bemerkenswert ist aber die argumentative Armut dabei.

Von Patrick Gensing

In seinem jüngsten Elaborat schreibt Wagner die gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften an (“Liebe Homo-Ehe!”). Wie nicht anders zu erwarten war, hält er nichts von einer rechtlichen Gleichstellung mit der “Papa-Mama-Baby-Ehe”. Neu ist, dass verehelichte Eltern Wagner zufolge nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit ihrem Baby verheiratet sind. Mit diesem “Kunstgriff” möchte Wagner offenkundig ausdrücken, dass er die Ehe vor allem für eine Maßnahme zur Kinderreproduktion hält. Denn: “Homosexuelle kriegen biologisch keine Kinder.”

News is, what’s different, lieber Herr Wagner. Volker Beck von den Grünen kommentierte treffend:  ”Es gibt Regenbogenfamilien (Homosexuelle Paare mit Kindern) und kinderlose Ehen. Deshalb besteht ihr platter Biologismus auch nicht den Faktencheck.”

Wagner schreibt der Homo-Ehe, er fühle sich nicht wohl.

Die Vorstellungen von Ehe unterscheiden sich allerdings durch kulturelle, religiöse und politische Prägungen immens: Im Römischen Reich wurde laut Wikipedia die Ehe als eine nichtrechtliche gesellschaftliche Tatsache durch verwirklichte Lebensgemeinschaft zwischen Mann und Frau gesehen. Die römisch-katholische Auffassung versteht die Ehe als ein heiliges Sakrament. Die Ansicht der Zivilehe betrachtet schließlich die Ehe immer als eine Art bürgerlichen Vertrag. Die Ehe begründet persönliche sowie wirtschaftliche Rechte und Pflichten zwischen den Ehegatten. Der genauere Inhalt des Vertrages sowie die Art und Weise seines Zustandekommens hängen in hohem Maße von der jeweiligen Kultur und Gesellschaft ab. Der Ehe kommt sehr häufig die Aufgabe der materiellen Versorgung zu.

Es ist kein Geheimnis, dass in NS-Deutschland die Ehe zur Volksreproduktion glorifiziert wurde. Die offizielle Propaganda wollte die Frau wieder ganz auf ihre “natürlichen” Aufgaben als Ehefrau und vor allem als Mutter verpflichten. Neue Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens, wie sie in der Weimarer Republik diskutiert worden waren, wurden von den Völkischen strikt abgelehnt und als “widernatürlich” gebrandmarkt.

Mit dieser Zeit hat Wagner nichts am Hut, er schreibt:

“Früher wurden Homosexuelle in Deutschland zu Gefängnis verurteilt. Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis, Ihr liebt Eure Partner, Ihr dürft sie lieben. Ihr seid deutsche Ehepartner. Eingetragen im Buch der Standesbeamten. Wir sind ein besseres Deutschland geworden.”

Sollen die Homos doch endlich Ruhe geben, immerhin müssen sie schon nicht mehr in den Knast. Also, was denn noch? Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnern mit hetereosexuellen? Das geht Wagner dann doch zu weit. Argumente hat er leider keine, daher schreibt er: “Ich fühle mich dabei nicht wohl.”

“Nun hatte ich mich schon so daran gewöhnt, dass seit 1969 homosexuelle Männer grundsätzlich nicht mehr für ihre Liebe ins Gefängnis kommen. Nun haben Sie mich mit Ihrer Kolumne daran erinnert, dass das in Deutschland nicht selbstverständlich ist. Aber Sie haben schon recht, solange es Schreiberlingen wie Ihnen bei dem Gedanken, unsere Partnerschaften wären gegenüber Partnerschaften von Mann und Frau gleichberechtigt, „unwohl“ wird, kann man nie ganz sicher sein, was die Zukunft bringen mag.”  (Volker Beck auf beckstage)

Zerfall der konservativen Familie

Wagner kann natürlich finden, was er will – doch sein Brief und sein Hinweis auf das Empfinden zeigt einmal mehr die Beliebigkeit vieler Konservative, die kaum konstruktive Ideen präsentieren können, sondern sich nur darüber definieren, was sie alles ablehnen.

Und selbst dabei ist man sich nicht einig, wie der “Berliner Kreis” der CDU derzeit eindrucksvoll demonstriert. Erika Steinbach und Co. wollen sich hier zusammenschließen, um zum x. Mal das konservative Profil der Union zu retten. In dem Entwurf eines “Manifests” aus dem die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” zitiert, warnen die Verfasser vor allem vor einem Zerfall der Familie.

Anstatt die Modernisierung des Konservatismus durch Frau von der Leyen oder Frau Merkel zu unterstützen, scheint der “Berliner Kreis” hinter Franz Josef Strauß zurückzufallen. Der hatte in den 1960er Jahren, als der deutsche Konservatismus ebenfalls eine Standort-Debatte führte, die Losung ausgegeben, konservativ sein, heißt an der Spitze des Fortschritts zu stehen. Dahinter verbirgt sich die banale Erkenntnis, dass sich bestimmte gesellschaftliche Veränderungsprozesse nicht verhindern lassen, es also mehr darauf ankommt, sie zu gestalten. Genau in dieser Tradition ist von der Leyens Politik als Familienministerin einzuordnen. (Andreas Strippel im Dezember 2011 auf Publikative.org)

Doch offiziell verabschiedet haben die aufrechten Konservativen ihr “Manifest” bislang nicht.  Die kleine Gruppe sei bei dem Versuch gescheitert, innerhalb von drei Monaten aus einem achtseitigen Manifest-Entwurf ein Vier-Seiten-Dokument zu erstellen, berichtet die Märkische Allgemeine. “Den einen Abgeordneten war es nicht kantig genug. Dem anderen aus dem Süden war es nicht klar genug für Atomkraft. Wieder ein anderer wollte ein Anti-Griechenland-Euro-Bekenntnis. Ein weiterer Kreis-Mitdenker wollte genau das gerade nicht.”

Kurzum: Es bleibt nur das Bauchgefühl, das Volksempfinden, der “gesunde Menschenverstand” – für einen fürchterlichen Brief mit der Überschrift “Liebe Homo-Ehe” reicht das, für ernsthafte Politik nicht. Und so verkommt der Konservatismus zum politischen Phantomschmerz, der sich quälend durch die Leserbriefspalten zieht. QED.

Siehe auch: „Wir geben die Farben zusammen“Angst als Fortschrittsmotor?Schwulenfeindliche Ärzte auf KatholikentagAntifeministisch und reaktionärKonservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht!Kamerad Gutmensch

6 Kommentare »

  • Too much information - Papierkorb - Guten Morgen said:

    [...] Patrick Gensing befasst sich mit medialem Konservatismus. [...]

  • Gesetzgeber, komm deinem Auftrag nach! » Magischer FC said:

    [...] Wir wissen es nicht. Angst vor dem Unbekannten mag ein Motiv sein. Aber was sollen wir uns damit beschäftigen, was die diskriminierenden Täter so umtreibt? Es ist halt nur so verwunderlich, denn die CDU gibt hier ein Thema aus der Hand, was eigentlich so viele konservative Werte beinhaltet, wie oben ja angemerkt. Wenn sie wirklich modern sein will, dann wäre das ihre große Chance gewesen. Und es wäre doch Konservativ gewesen. Stärkung der Ehe und so. Krass konservativ. Aber so erschreckt mal wieder die inhaltsleere der Konservativen. [...]

  • Felix said:

    Echt jetzt? Sie nehmen das infantile Geschwurbel des Herrn Wagner so ernst, dass sie sich in einem Artikel damit beschäftigen? Sie lesen diesen Scheiß?

  • Publikative.org » Blog Archive » Die Fraktur – mehr als eine stilistische Marotte said:

    [...] auch: Voll im Kontext: Gauck und die Überfremdung, Das Problem heißt Rassismus, Moin, moin, Konservatismus!, Konservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht! Tweet    Zum 20. Mal haben [...]

  • Publikative.org » Blog Archive » Endlich reden wir mal über Sex: Fickt euch! said:

    [...] auch: Moin, moin, Konservatismus!, Utopien des Privaten, “taz” entschuldigt sich für Altmaier-Outing – zu Unrecht! Tweet [...]

  • Publikative.org » Blog Archive » Herbst in Deutschland – der Zeitgeist und Helmut Kohls geistig-moralische Wende said:

    [...] 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente, Konservatismus – ein ideologischer Phantomschmerz, Moin, moin, Konservatismus!, Utopien des Privaten, Konservative in der Union: Auf zum letzen Gefecht! Tweet [...]