9 Comments

  1. Martin M.

    Sehr schöner Artikel an diesem unrunden Geburtstag! Ich würde den Mann dennoch eher auf den Schild heben als auf das Schild. Auf einem Verkehrsschild o. ä. steht es sich so so wackelig. ;-)

  2. Armyn

    Natürlich wird er heute intellektuell kaum noch genutzt. Seine Kritik ist zu radikal, gerade seine Vernunft- und Aufklärungskritik. Daher fand ich auch diesen Satz aus dem Artikel witzig: “Und Kritik scheint ihm nur möglich mit der theoretischen Durchdringung der Gesellschaft, um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.”
    Wenn man eines über Adorno sagen kann, dann das er genau das Gegenteil wollte.

  3. “Obwohl die Kritische Theorie in ihrem Entstehen schon sehr früh erkannte, welche zentrale Stellung der Antisemitismus als Gegenströmung zur Aufklärung einnimmt,…”

    1. Ist zumindest “die” Aufklärung der Neuzeit (ca. 1600 bis ca. 1820) in wesentlichen Protagonisten antisemitisch aufgestellt.

    2. Hat die KT das so nicht wahrgenommen, sondern versucht , Aufklärung und AS als Gegenströmungen zu zeichnen, was sachlogisch und ethisch (hermeneutisch) sicher eine richtige Konstruktion ist, aber für die realhistorische Geistes- u. Ideengeschichte sowie für die politisch-gesellschaftlich-materiale Realhistorik falsch.

    ” …“Und Kritik scheint ihm nur möglich mit der theoretischen Durchdringung der Gesellschaft, um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.”
    Wenn man eines über Adorno sagen kann, dann das er genau das Gegenteil wollte.”

    Nun, das Gegenteil sicher nicht, aber der zitierte Satz aus dem Artikel verfehlt Adorno ganz gewiß.

    Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der “je eigenen” Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich “vernünftig” sei. (Um dabei der äußerlichen Distinktionslust, z. B. “a la mode”, skeptisch auf die Finger zu sehen.)

  4. Meckermaul

    > Ist zumindest “die” Aufklärung der Neuzeit (ca. 1600 bis ca. 1820) in
    > wesentlichen Protagonisten antisemitisch aufgestellt.

    ja, wichtiger und leider von vielen derzeitigen Adorniten oft unterschlagener Hinweis. Dieses Unterschlagen scheint mir aber auch nötig, weil Adorno ja, vor allem in den unsäglichen Integrations- oder Islamdebatten, als Vertreter »unseres« freien, aufgeklärten Westens gegen den ganzen voraufklärerischen Rest — Religiöse, Relativisten, Barbaren, Antisemiten halt — in Stellung gebracht werden soll.

    Dass es unter den Protagonisten »der« Aufklärung auch Antisemiten gab, diskreditiert natürlich nicht gleich das ganze Projekt, straft aber die arg unterkomplexe Weltsicht unserer heutigen, wie sie sich nennen, Ideologiekritiker Lügen.

  5. “Dass es unter den Protagonisten »der« Aufklärung auch Antisemiten gab, diskreditiert natürlich nicht gleich das ganze Projekt, …”

    Doch, doch durchaus, wie ich meine: aber weniger das hermeneutische Sujet/das Verständnis der Sache, als eben mehr ihre Praktik(en) …

    Wobei nochmal zu untersuchen wäre, ob bzw. welche Kritiken der KT an der Realgeschichte des “Fortschritts”, zu der Aufklärung ja notwendig gehört, eben doch weniger auf die inhärenten Probleme der Dialektik von Aufklärung und Fortschritt zurückzuführen wären, oder nicht doch auf “schwarze Flecken” in den Startparametern des neuzeitlichen Projektes der A.
    Für Lit.-Hinweise DAFÜR wäre ich sehr dankbar!

    ” … straft aber die arg unterkomplexe Weltsicht unserer heutigen, wie sie sich nennen, Ideologiekritiker Lügen. ”

    Oh ja! So sehr die “Decouvrierung der Interessen”, – was die Ideologiekritik ja für sich reklamiert, dabei aber zu oft in Unterstellungen und Ressentiment endet -, von der KT gefordert und gefördert wurde, so sehr kann man hier den von Adorno besten präparierten Anti-Positivismus-Knüppel herausholen und darauf verweisen, daß es ohne Wertsetzungen auch keine Erkenntnis gibt, – mithin jede Erkenntnis auch einen “ideologischen” Schoß hat, aus dem sie geboren wurde.

  6. Leser

    Nach dem 2. Absatz hab ich schon keine Lust mehr am Lesen. Schade, denn eigentlich ein interessantes Thema. Wieso denn Borniertheit der Frager? Kann doch auch ne Provokation sein, der Einstieg ist doch nicht verkehrt, ferner steht da “schien”. Meine Vermutung: Der Schreiber hat Probleme mit dem Medium. Verständlich. Aber so einfach muss man es sich doch dann auch nicht machen.

  7. Armyn

    @dos
    “Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der “je eigenen” Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich “vernünftig” sei.”

    Klingt für mich wie das Gegenteil des zitierten Satzes.

    Den “Eigensinn der Kreatur” zu schützen, klingt für mich eher wie das radikale Individualsubjekt in den Grenzen der Vernunft zu schützen. Die Auflösung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv insgesamt war wohl eher das Anliegen.

  8. @Armyn

    ” “Eher stellt sich A. schützend vor den Eigensinn der Kreaturen und vor allem den der “je eigenen” Menschen gegenüber einer autoritären Verallgemeinerung dessen, was angeblich “vernünftig” sei.”

    Klingt für mich wie das Gegenteil des zitierten Satzes. ”

    Ja, ich hatte das ja auch versucht, scheint gelungen, danke! Wobei sich die problematische Gegenteiligkeit vor allem gegen den 2. Teil des Satzes richtet: ” …um eine vernunftgemäße Einrichtung der Welt zu ermöglichen.”:

    1.
    Schon der zweckmäßigen Ein(N)ordung der Kritik (“um … zu”) wäre Adorno allenfalls mit äußerstem Mißtrauen, und je nach Provenienz bzw. Kontext, auch glatter Ablehnung begegnet. Denn im laxen Denken und seinen autoritär geprägten Kontexten hat er die Schmerzerfahrung der unzulässigen Umkehrschlüsse machen müssen: Da DARF Kritik nicht nur Zwecke verfolgen, sondern MUSS es dann
    auch.

    2. Erst recht sperrt sich Adorno gegen derart LAPIDAR gedachte Größtansprüche “einer vernunftgemäßen Einrichtung der Welt.”
    Mit solchen Pauschalitäten wird für Adorno jene Werbe-Tüte aufgeblasen, in die alsbald die autoritären, aber legitimatorisch verbrämten Interessen von Wenigen schlüpfen, – um darin nach Hause getragen zu werden und als falsche Zivilisierung/Disziplinierung ihren Platz auf dem ideologischen Hausaltar der Alltagskultur zu finden. (Dialektik von Aufklärung und Fortschritt in Zeiten der Massengesellschaft)

    ” Den “Eigensinn der Kreatur” zu schützen, klingt für mich eher wie das radikale Individualsubjekt in den Grenzen der Vernunft zu schützen. ”

    Ja, so könnte man das auch formulieren, wenn, ja wenn, “die Vernunft” für Adorno ein derart umstandslos verwendbarer Begriff u./o. belastbare Realidee gewesen wäre:
    Erst Eigensinn ermöglicht ja das Aufscheinen von Vernunft, also handelt es sich keinesfalls um ein einfaches Gegensatz – oder Begrenzungsverhältnis, hier die Vernunft, dort Sinn, Eigensinn, Subjekt(ivität) usw.
    Und: Es ging A. zwar ganz vorwiegend, aber eben nicht nur, um die menschl. Subjekte, sondern um Natur und Kreatur ebenso, um jenen Respekt vor den Eigensinnigkeiten in der Welt, der auch ihre noch so “vernünftige” Zurichtung in Frage stellen darf.

    ” Die Auflösung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv insgesamt war wohl eher das Anliegen. ”

    Ja, das würde sich mit einem Teil der Rezeptionsgeschichte A.’s decken. Ich habe das aus dem Gesamtwerk aber so nicht entnehmen können.(Hinweise gern!) Vielleicht ein blinder Fleck von mir. Und gleich die ganze “Auflösung” ? – das scheint für mir A. zu undifferenziert.

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