“Wir haben kaum noch Vertrauen”
Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB) hat sich bestürzt über die Verwicklung von Berliner Behörden in den neuesten Ermittlungsskandal im Rahmen der NSU-Mordserie gezeigt. Publikative.org sprach mit Ilker Duyan, Sprecher des TBB, über fehlendes Vertrauen in staatliche Stellen und wachsende Stigmatisierung von Deutsch-Türken.
Publikative.org: Erneut ist deutlich geworden, dass Sicherheitsbehörden den NSU-Ausschuss offenbar kaum ernst nehmen. Was bedeutet das für das Vertrauen der deutsch-türkischen Büger in Deutschland?
Ilker Duyan: Die deutsch-türkischen Bürger in Deutschland haben kaum noch Vertrauen in die deutschen Behörden und insbesondere in Sicherheitsbehörden. Man hat das Gefühl, vom deutschen Staat in Stich gelassen worden zu sein. Laut Studien befürchten türkeistämmige Bürger in Deutschland, dass es erneut zu derartigen Morden kommen könnte.
Publikative.org: Nach all den Skandalen um den NSU, nach der “Döner-Mord”-Berichterstattung – haben Sie das Gefühl, dass sich die Mitglieder Ihrer Gemeinde in Deutschland sicher und willkommen fühlen?
Duyan: Das Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein, ist schon seit mehreren Jahren nicht vorhanden. Die ständige Stimmungsmache gegen Muslime und Migranten allgemein hat eine Steigerung des Unmuts verursacht. Die ständige Berichterstattung von angeblich kriminellen migrantischen Jugendlichen, die Zunahme der Anschläge auf Moscheen und zuletzt die Debatte um ein Beschneidungsverbot von minderjährigen Jungen führt dazu, dass man sich nicht mehr als ein Teil dieser Gesellschaft fühlt. Diese Ausgrenzung fühlt man in allen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Publikative.org: In den vergangenen Monaten wurde mehrmals über gutausgebildete Bürger mit Migrationshintergrund berichtet, die Deutschland verlassen. Sind das Einzelfälle? Warum verlassen diese Leute Deutschland?
Duyan: Auch staatliche Studien belegen, dass es eine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt. Gut ausgebildete Bürger mit Migrationshintergrund werden im Vergleich zu Deutsch stämmigen seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, auch wenn sie sogar bessere Abschlüsse haben. DieseDiskriminierungserfahrung und die fehlende Willkommenskultur führen dazu, dass immer mehr Akademiker Deutschland verlassen und sich im Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern eine Existenz aufbauen. Sie haben beispielsweise in Istanbul schon ihre eigenen Netzwerke gegründet und geben sogar ihre eigene Zeitschrift heraus.
Publikative.org: Wie nehmen Sie die Plakataktion des BMI gegen die Radikalisierung junger Muslime wahr? Wir wird diese in der Gemeinde diskutiert?

Der nette Junge von nebenan als Terrorist – mit biodeutschen Protagonisten, die zu Neonazis werden, kaum denkbar.
Duyan: In der Gemeinde vertreten wir die Meinung, dass eine De-Radikalisierung stattfinden muss. Aber die Methode ist hier falsch, weil dies eine Stigmatisierung verursacht und die Vorurteile nur schüren würde. Ein Muslim wird mit einem fanatischen Islamisten gleichgestellt. Man sollte ein Schritt weiterdenken: Was bewirkt solch ein Plakat bei einem jungen Muslim, der sich eh schon nicht willkommen fühlt.
Das Interview führte Patrick Gensing.
Siehe auch: Freude über den Hass, Potentielle Opfer als potentielle Täter, Die Internationale der Rechtsterroristen, Das Problem heißt Rassismus
Alle Meldungen zum Rechtsterrorismus.



Gleiches in Köln: Der Chefermittler im Nagelbombenanschlag erklärte neulich vor dem Untersuchungsausschuss, es sei eine Frage der Definition, ob es sich um Fremdenfeindlichkeit handele, wenn man innerhalb einer Gruppe nur etwas gegen Türken habe. Da könne man durchaus von einem persönlichen Motiv sprechen.
Siehe hier:
http://www.migazin.de/2012/09/12/militargeheimdienst-wollte-nsu-terrorist-als-v-mann-anwerben/#comment-34244
Mein Vertrauen in solche Beamte ist begrenzt.
[...] auch: Salafisten und Pro NRW erreichen ihr Ziel: Gewalt, “Das Problem ist Israel”, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Pro NRW bleibt stabil – auf Kosten der NPD?, Razzia gegen “Freundeskreis Rade” und “Pro [...]
[...] Publikative, 15.09.2012 [...]
[...] auch: “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Potentielle Opfer als potentielle Täter, Die Internationale der Rechtsterroristen, Das Problem [...]
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