10 Kommentare

  1. Flocke

    Es ist eine Sache, eine verfehlte Form des Protestes, die mit unzureichenden und möglicherweise geschmacklosen Vergleichen arbeitet, zu kritisieren. Eine anderes Thema ist die affektive Reaktion, das Anliegen dieses Protestes in Bezug auf die falsche Wahl der Mittel zu delegetimieren.

    Dies halte ich für äußerst bedauerlich in diesem Bezug, stellt die Verfügbarmachung von Körpern gegen Geld doch eine der extremsten Ausdrücke patriachaler Herrschaft dar: Frauenkörper werden als monetisierte Objekte zwischen Männern gehandelt und benutzt.

    “[..] dass man sich fragt, unter wem Sexarbeiterinnen eigentlich mehr zu leiden haben. Unkalkulierbare Freier oder engagierte Frauenbefreierinnen? Sexarbeiterinnen seien psychisch defekte Wesen: Entweder sie sind traumatisiert durch ihre Kindheit (und deshalb in diesen Beruf gerutscht) oder sie werden traumatisiert durch ihren Job. Aber auf jeden Fall sind sie traumatisiert und deshalb nicht mehr ernst zu nehmen so der feministische Tenor.[01] Fragt sich eigentlich auch mal jemand, was in einer Kindheit los war, wenn sich jemand entscheidet, Polizist zu werden? Und was lief schief, wenn einer Lehrer wird? Oder Journalist? Wo hocken denn da die feministischen Hobbypsychologen? – Schreien könnt man da …”

    Eben Passagen dieser Art zeugen nicht nur von einer sehr oberflächlichen Betrachtungsweise des Systems Prostitution, sondern dienen darüberhinaus der Legitimierung einer unmenschlichen Praxis und der Lächerlichmachung eines Engagements, dass diese Gewaltverhältnisse aufdecken und auflösen möchte. Der Vorwurf, Prostituierte würden zu Opfern gemacht, ist nicht mehr als eines “Abkaufens” der Verschleierung der finsteren Hintergründe dieses “Geschäftszweiges” geschuldet, die eben jener Verharmlosung von Menschenhandel und der Ausnutzung psychischer Dispositionen hinterherläuft und damit dieses Gewaltverhältnis möglich macht. Eine Beschäftigung mit den Wegen in die Prostitution, mit der Häufung psychischer Dispositionen und Erkrankungen in diesem Bereich, sowie einer umfassenderen, strukturellen Perspektive, kann die (nicht intentionale) Bösartigkeit dieser Aussagen beleuchten.

    Um einen möglicherweise gelungeneren Vergleich zu eröffnen: wenige würden die Arbeit von Jungen, Mädchen, Männern und Frauen in kongolesischen Bergwerken zum Zwecke der Rohstoffgewinnung, unter minimalen Löhnen und exhorbitanten Arbeitszeiten, der Zerstörung der Körper und einer ungenügenden Gesundheitsversorgung gutheißen, weil diese Menschen damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Es sind schlicht strukturelle Gründe und individuelle Vorraussetzungen die in neoliberalen Gesellschaften die Freiheit der Wahl korrumpieren.

    Empörung sollte nicht zu Blindheit führen, das erwartete ich insbesondere von Publikative.org, bin hiermit jedoch in höchstem Maße enttäuscht worden.

  2. Thorsten

    Sicherlich ist was Femen da macht eine arge Verkürzung und gleichzeitige Profanisierung der Shoah.Gleichzeitig finde ich es deutlich zu einfach, den Protest als “über’s Ziel hinaus geschossen” abzustempeln.

  3. MaterialismusAlter

    Sehr geehrte Frau Ambs,

    Sie kritisieren (zu Recht) die unreflektierte Benutzung “radikaler” Äußerungen und wiederholen dann im Prinzip den gleichen Fehler.
    Ich verstehe was Sie uns mit diesem Artikel sagen möchten und über die Geschmacklosigkeit dieser Femen-Gruppe bin ich auch empört. Aber diesen Satz hätten Sie sich sparen können:

    “Allerdings sind Männer und ihre missglückten Anmachsprüche eher seltener der Grund dafür [aufzuschreien]. Die kontert man weg und wendet sich dann wieder anderen Dingen zu …”

    Es sei Ihnen ja gegönnt, dass Sie bei anzüglichen Bemerkungen und blöden Anmachen stets einen flotten Spruch auf den Lippen haben. Ich freue mich natürlich, dass Sie sich von so etwas nicht ernsthaft gestört fühlen.
    Ich wage jetzt aber einfach mal eine Prognose: Sie sind eine gut ausgebildete Frau jenseits der 25? Sie sind von den “Sprücheklopfern” nicht finanziell abhängig? Sie verfügen über hohes soziales Kapital und genügend Lebenserfahrung sowie Selbstbewusstsein um blöde Sprüche auch mal an sich abprallen zu lassen? Schön für Sie. Es gibt viele Menschen denen es leider nicht so geht. (Neulich hat mir eine Freundin erzählt, was sie sich mit 15 Jahren als Bedienung in einer Dorfgaststätte in Schwäbisch Hall so anhören durfte. Ich als Mann war völlig schockiert – alle anwesenden Frauen hatten dann Ähnliches zu berichten…)

    Darauf hinzuweisen, dass in der feministischen Bewegung auch äußerst unsympathische Gestalten unterwegs sind ist völlig in Ordnung. Es zu delegitimieren, wenn sich jemand über den “beiläufigen” Sexismus empört, der hierzulande üblich ist, finde ich persönlich daneben.

  4. holf

    ideologische fragmente laszen sich nicht von den gewählten protestmitteln trennen. und das spiegeln schon die skandierten slogans wider. deshalb ist dieser protest der femen (bzw. die femen in ihrer derzeitigen verfasstheit) nicht legitim. das ist plumper unüberlegter aktionismus (und das ist noch “gut gemeint”), dem jegliche fundierte gesellschaftliche analyse fehlt.
    cheers.

  5. mjb4

    @Flocke

    “[..], Es sind schlicht strukturelle Gründe und individuelle Vorraussetzungen die in neoliberalen Gesellschaften die Freiheit der Wahl korrumpieren.”

    Hierzu lässt sich noch anmerken sicherlich ein kleiner Punkt, aber vielleicht gibt es doch auch ein ganz wenig Pluralismus in einer “freien Gesellschaft”. Sollte man doch hoffen.

  6. Es ist immer wieder das gleiche, als Protestbewegung werden hier Wunschvorstellungen einer Gesellschaft hochstilisiert und dann in politische Forderungen umgewandelt, die eher faschistisch als freiheitlich sind.
    Man kann nur sich selber ändern nicht die anderen. Auch dann nicht wenn sie versuchen Vorschriften oder Normen zu diktieren wie ein Mensch zu sein hat. Das hat die Kirche auch gemacht.
    Furchtbar wie hier versucht wird den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben…
    Aber das ganze hat System und ist sehr stark vertreten in Deutschland.
    Wenn es dann hart auf hart kommt und die jenigen die da protestieren selbst mal Courage zeigen müssen, klappen sie ein.
    Beispiel http://kleinerdrei.org/2013/01/wo-kritik-am-aufschrei-fehl-geht-und-wo-nicht/ Die möchte zum Beispiel das endlich was gegen Sexismus getan wird damit sie sich nichtmehr auf die Lippe beissen muss wenn sie ehrlich und aufrichtig dazu stehen müsste sich nicht für ihre Karriere zu prosituieren zu wollen.
    Hat für mich den Eindruck, als wären das wohlbehütete Kinder, die darauf warten, dass endlich mal jemand kommt und dafür sorgt, dass die böse böse gesellschaft nichmehr so gemein zu ihnen ist. Und sie wohlmöglich selber noch für etwas einstehen müssten, mit allen Konsequenzen. Vom Leben nix gelernt und stolz darauf…

  7. Marie Kuhn

    Es mangelt doch einigen an der Fähigkeit die Realität vernünftig zu beurteilen beginnen dann damit, Phrasen nachzuplappern, statt eigenständig zu denken. Aufschrei ist nichts anderes als das Ergebnis einer unerzogenen Generation die davon ausgeht man müsse sich nicht der Welt anpassen, sondern die Welt würde sich ihr anpassen. Die Ursache dafür liegt Hauptverantwortlich am desinteresse der heutigen Elterngeneration sowie der heute gültigen Unterrichtungsfom in Schulen. Dort werden – als Beispiel genannt – Fehler nicht mit rotem Stift markiert, damit die Gefühle der Schüler nicht verletzt werden. Schüler. die nicht aufpassen dürfen nicht drangenommen werden, da sie sonst bloßgestellt werden. Schüler, die Fehler machen, dürfen nicht direkt verbessert werden sondern müssen nach dem “fast richtig”-Prinzip in die richtige Richtung geschubst werden. Dies, wie auch vieles mehr schafft eine debile Gesellschaft, die es nicht gewohnt ist, wenn man ihr etwas entgegensetzt und das Prinzip Schlagfertigkeit ist etwas, worauf man erst nach 24 Stunden kommt…wenn überhaupt. Dabei muss die Frage gestattet sein, wieviel Aufstiegschancen jemand in einem Unternehmen hat, der keinerlei Fähigkeiten zum Kontern besitzt. Ich kenne kaum einen Chef, der von allen mit Samthandschuhen angefasst wird um die Gefühle nicht zu verletzen. Sei es Männlich oder Weiblich. Zum Kommentar von MaterialismusAlter sei noch gesagt: Mein Mann hat zu Studienzeiten als Kellner gearbeitet um seine Wohnung zu Finanzieren und auch er hat nahezu täglich mit Sprüchen von Frauen zu tun gehabt. “Schwing mal Deinen Knackarsch her….” ist da noch mit das harmloseste. Also bitte nicht immer die Frau in die Opferrolle drücken. Es ist eher Berufsspezifisch, was Ihrer Freundin widerfahren ist. Ich sehe mich nicht als Opfer und habe ich mich auch nie. Wenn es nach aufschrei gehen würde, wäre ich sogar Täter. Dabei sollte es bei aufschrei nicht um Sexismus gehen ( der Sinn des Wortes wird hierfür übrigens sehr Zweckentfremdet ) sondern vielmehr um allgemeinen Respekt untereinander. Es sind die Individuen, die Ihre Machtpositionen mißbrauchen, nicht Geschlechter. Das ist die Hauptfehlinterpretation von aufschrei und wenn diese Ansicht normal sein soll, weiß ich nicht genau, ob die Normalmenschlichkeit eine kollektive Geisteskrankheit ist oder nicht.

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